Naturalismus hat je nach Kontext zwei völlig unterschiedliche Bedeutungen: eine literarisch-künstlerische Epoche und eine philosophische Grundhaltung. In beiden Fällen steht die Natur als die einzige und absolute Realität im Mittelpunkt.
1. Der Naturalismus in Philosophie und Wissenschaft
In der Philosophie ist der Naturalismus ein Weltbild, das davon ausgeht, dass alles in der Welt mit reinen Naturgesetzen erklärt werden kann.
- Kein Übernatürliches: Höhere Mächte, Geister, Götter oder das Jenseits werden konsequent abgelehnt.
- Monismus: Geist und Bewusstsein sind keine eigenständigen, magischen Dimensionen, sondern das Produkt rein biologischer und chemischer Prozesse im Gehirn.
- Wissenschaft als Massstab: Nur die empirischen Naturwissenschaften (Physik, Chemie, Biologie) liefern verlässliches Wissen über die Welt.
2. Der Naturalismus in Literatur und Kunst (ca. 1880–1900)
Als Epoche des späten 19. Jahrhunderts war der Naturalismus eine extreme Weiterführung des Realismus. Das Ziel war die sekundengenaue, ungeschönte Abbildung der Wirklichkeit.
- Die „Sekundenstil“-Formel: Der Theoretiker Arno Holz stellte die berühmte Formel auf: Kunst = Natur – x. Das „x“ steht für die Subjektivität des Künstlers. Je kleiner das x, desto besser die Kunst.
- Wissenschaftlicher Blick auf den Menschen: Der Mensch wird als Produkt seiner Gene (Vererbung) und seines Umfelds (Milieu) gesehen. Der freie Wille wird als Illusion betrachtet (Determinismus).
- Tabuthemen: Im Fokus standen oft die Schattenseiten der Industrialisierung: Armut, Alkoholismus, Geisteskrankheiten, Prostitution und das Elend der Arbeiterklasse (z. B. in Gerhart Hauptmanns Drama „Die Weber“).
