The daily philosopher

„Die wahre Arbeit des Verstandes besteht in der Ausführung von Entscheidung, Verweigerung, Sehnsucht, Abwehr, Vorbereitung, Zweckbestimmung und Zustimmung. Was kann dann noch die angemessene Funktion unseres Verstandes vergiften und verstopfen? Nichts ausser seine eigenen korrupten Entscheidungen.“ – Epiktet, ca. 50 – 138 n.Chr., Lehrgespräche, 4.11.6-7

In diesem Zitat von Epiktet wird die zentrale Rolle des Verstandes für das menschliche Handeln hervorgehoben. Der Stoiker zeigt auf, dass menschliche Entscheidungen und deren Ausführung grundlegend für das Leben und die individuelle Orientierung sind. Hierbei werden verschiedene Aspekte des Verstandes benannt, die alle darstellen, wie aktiv und konstruktiv Denken ist. Es geht nicht nur um passive Rezeption von Informationen, sondern um Prozesse der Willensbildung und der Selbststeuerung, die das Individuum entscheidend prägen.

Epiktet impliziert jedoch auch eine gewaltige Herausforderung: Die „korrupten Entscheidungen“ des Verstandes. Dieser Begriff weist auf interne Widersprüche und moralische Verfehlungen hin, die den Verstand des Individuums in seiner Funktion beeinträchtigen können. Diese Korruption kann durch emotionale Regungen, irrationale Ängste oder falsche Wertvorstellungen entstehen, die sich negativ auf die Integrität des Denkens auswirken. Durch solche Entscheidungen wird der Verstand nicht nur „vergiftet“, sondern sein Potenzial zur Selbstbestimmung wird stark eingeschränkt.

Ein weiteres zentrales Element dieser Aussage ist der athematische Gedanke, dass der Verstand an sich rein und fähig ist. Die Störung kommt nicht von externen Faktoren oder göttlichen Einflüssen, sondern ist selbst verursacht. Dies reflektiert eine atheistisches Denken, das die Eigenverantwortung des Menschen in den Vordergrund stellt und die Idee von göttlicher Vorbestimmung oder äußeren Ursachen als unzulänglich betrachtet. Es ist die Fähigkeit und auch die Pflicht des Individuums, sich aktiv mit diesen inneren Kämpfen auseinanderzusetzen, um den Verstand in seiner „wahren Arbeit“ zu befreien und zu einer klaren Entscheidungsfindung zu gelangen. Damit eröffnet sich ein Weg zu einer autonomeren und rationaleren Lebensweise.

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