„Der grösste Staatsmann ist derjenige, welcher der humanste ist.“ – Anselm Feuerbach, 1829 – 1880
Anselm Feuerbach war ein deutscher Rechtsphilosoph und Strafrechtler, dessen Name untrennbar mit der Aufklärung des deutschen Rechtswesens verbunden ist. Als Sohn des bedeutenden Philosophen Paul Johann Anselm Feuerbach und Onkel des Religionskritikers Ludwig Feuerbach entstammte er einer Familie, die das aufklärerische Denken prägte. Feuerbach reformierte das bayerische Strafrecht grundlegend und entwickelte die psychologische Zwangstheorie, wonach Strafe nicht der Vergeltung, sondern der Prävention durch Abschreckung dienen sollte. Seine Maxime „nulla poena sine lege“ (keine Strafe ohne Gesetz) wurde zum Grundpfeiler rechtsstaatlichen Denkens.
Das Zitat offenbart Feuerbachs aufgeklärtes Staatsverständnis, das sich radikal von absolutistischen und machtpolitischen Konzeptionen abgrenzt. Größe bemisst sich hier nicht an territorialen Eroberungen, dynastischer Klugheit oder strategischem Kalkül, sondern an der Orientierung am Menschen selbst. Der Superlativ „grösste“ wird durch den Superlativ „humanste“ definiert – eine bewusste Umwertung politischer Wertekriterien.
Der Begriff „humanst“ verweist auf die Aufklärungsphilosophie, die den Menschen als Zweck an sich begreift, nicht als Mittel staatlicher Machtinteressen. Feuerbach dachte säkular: Staatliche Legitimation erwächst nicht aus göttlicher Einsetzung, sondern aus der Erfüllung menschlicher Bedürfnisse. Diese Position steht im Einklang mit dem aufklärerischen Gedankengut seiner Familie, insbesondere mit Ludwig Feuerbachs Anthropologisierung der Religion, die das Göttliche als Projektion menschlicher Ideale entlarvte.
Im rechtspolitischen Kontext bedeutet dies: Ein Staatsmann, der humane Prinzipien verwirklicht, schafft ein Rechtssystem, das die Würde des Einzelnen schützt, Willkür verhindert und rationale Rechtssicherheit gewährleistet. Feuerbachs eigene Strafrechtslehre exemplifiziert dies: Der Mensch wird nicht als sündiges Wesen behandelt, das theologisch-moralischer Züchtigung bedarf, sondern als rationales Subjekt, das durch transparente Gesetze von Rechtsbrüchen abgehalten werden kann.
Die Formulierung trägt implizit eine Kritik an der politischen Realität seiner Zeit: Wirklich große Staatsmänner waren rar, weil die meisten dem Machterhalt statt menschlichen Maßstäben folgten. Feuerbachs Diktum formuliert damit ein normatives Ideal, das die Politik vom Kopf auf die Füße stellen sollte – eine säkulare, humanistische Ethik als Fundament staatlichen Handelns.
