The daily philosopher

„In dieser Welt gibt es nur zwei Sorten Menschen – intelligente Menschen ohne Religion und religiöse Menschen ohne Intelligenz.“ – Abu’l-Ala-Al-Ma’arri, 973 – 1057

Abu’l-Ala al-Ma’arri, der blinde syrische Dichter und Philosoph aus dem 10. Jahrhundert, gehört zu den bemerkenswertesten Freidenkern des islamischen Mittelalters. Nach einer Pockenerkrankung im Kindesalter erblindet, entwickelte er eine umfassende skeptische Philosophie, die religiöse Dogmen, Prophetentum und institutionalisierte Glaubenssysteme fundamental in Frage stellte. Seine philosophischen Positionen – Pessimismus, ethischer Vegetarismus, Antinatalismus und radikaler Skeptizismus gegenüber Offenbarungsreligionen – machten ihn zu einer Ausnahmeerscheinung seiner Zeit und brachten ihm den Vorwurf der Häresie ein.

Das vorliegende Zitat formuliert eine dichotomische Provokation, die Religion und Intelligenz als unvereinbare Kategorien konstruiert. Al-Ma’arri etabliert hier keine Graustufen: Die binäre Gegenüberstellung verweigert bewusst jeden Mittelweg. Diese rhetorische Strategie zielt nicht auf differenzierte Argumentation, sondern auf radikale Infragestellung religiöser Autorität. Der Dichter attackiert damit die epistemologische Grundlage von Glaubenssystemen – die Akzeptanz nicht rational begründbarer Wahrheitsansprüche.

Seine atheistische Position gründet auf der Ablehnung göttlicher Offenbarung zugunsten eigenständigen Vernunftgebrauchs. Al-Ma’arri betrachtete die Propheten aller Religionen als Betrüger und religiöse Schriften als Menschenwerk ohne transzendente Autorität. Diese Position war im islamischen Kontext des 11. Jahrhunderts außerordentlich gefährlich. Dass al-Ma’arri trotz seiner öffentlich geäußerten Skepsis weitgehend unbehelligt blieb, lag vermutlich an seinem zurückgezogenen asketischen Leben in Ma’arra und seiner literarischen Reputation.

Die Schärfe der Aussage reflektiert al-Ma’arris generelle Menschenverachtung, die aus seinem philosophischen Pessimismus resultierte. Für ihn bedeutete Existenz primär Leiden; die Zeugung von Kindern bezeichnete er als moralisches Verbrechen. Religion erschien ihm als System, das dieses Leiden durch illusionäre Hoffnungen perpetuiert statt durch rationale Einsicht zu überwinden.

Die historische Bedeutung al-Ma’arris liegt in seiner kompromisslosen Artikulation säkularen Denkens Jahrhunderte vor der europäischen Aufklärung. Seine Werke, insbesondere die „Luzumiyyat“, demonstrieren, dass atheistisches Gedankengut keine Erfindung der Moderne darstellt, sondern in verschiedenen Kulturen und Epochen als kritische Gegenstimme zu dominanten Glaubenssystemen existierte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert