„Religion ist die einzige Philosophie, die das Durchschnittshirn verstehen und annehmen kann.“ – Joseph Joubert, 1754 – 1824
Diese Aussage erscheint auf den ersten Blick wie eine elitäre Verachtung religiösen Denkens, doch bei Joubert verhält es sich komplexer. Der französische Moralist und Essayist war keineswegs Atheist, sondern vielmehr ein konservativer Katholik, der in der Religion gerade keine primitive Ersatzphilosophie sah, sondern ihre besondere Leistungsfähigkeit erkannte: die Vermittlung existenzieller Wahrheiten an alle gesellschaftlichen Schichten.
Joubert, ein Zeitgenosse der Aufklärung und der Französischen Revolution, erlebte die Auseinandersetzung zwischen rationalistischer Philosophie und religiösem Glauben hautnah. Seine Aphorismen, die erst posthum veröffentlicht wurden, zeugen von einem Denker, der zwischen den Lagern stand. Anders als die Enzyklopädisten sah er in der Religion keine zu überwindende Vorstufe der Vernunft, sondern ein notwendiges Medium der Welterschließung. Das „Durchschnittshirn“ meint bei ihm nicht despektierlich den Dummen, sondern den gewöhnlichen Menschen, der nicht über die Muße und Bildung zur abstrakten philosophischen Spekulation verfügt.
Seine Formulierung lässt sich als pragmatische Einsicht lesen: Religion arbeitet mit Bildern, Ritualen und Narrativen – Formen, die unmittelbar zugänglich sind, während philosophische Systeme von Kant bis Hegel einen Bildungsgrad voraussetzen, der historisch nur einer schmalen Elite zugänglich war. Joubert, selbst ein einsamer Denker ohne akademische Karriere, der sich zeitlebens mit fragmentarischen Notizen begnügte, wusste um die Grenzen rein intellektueller Weltdeutung.
Paradoxerweise könnte man in seiner Aussage auch eine versteckte Kritik am philosophischen Diskurs seiner Zeit erkennen: Wenn Religion die einzige für alle zugängliche „Philosophie“ darstellt, offenbart dies das Versagen der Aufklärungsphilosophie, ihre Einsichten allgemeinverständlich zu vermitteln. Religion funktioniert als demokratisches Medium der Sinnstiftung, während die Philosophie sich in Exklusivität verliert.
Jouberts Position bleibt ambivalent: Beschreibt er eine bedauerliche Notwendigkeit oder erkennt er in der Zugänglichkeit der Religion gerade deren überlegene Weisheit? Seine eigene religiöse Haltung legt Letzteres nahe – Religion als die menschengemäßere, weil konkretere Form der Wahrheitsvermittlung.
