Hannah Arendt

Hannah Arendt 1906 – 1975

Hannah Arendt lebte von 1906 bis 1975. Sie wurde in Linden bei Hannover geboren und wuchs in Königsberg auf, in einer säkularen, assimilierten jüdischen Familie. Sie studierte Philosophie in Marburg bei Martin Heidegger, mit dem sie als junge Studentin eine intensive, heimlich gehaltene Liebesbeziehung hatte, die sie beide lebenslang, wenn auch mit langen Unterbrechungen und späterer Distanz, beschäftigte. Danach wechselte sie nach Heidelberg und promovierte dort bei Karl Jaspers über den Liebesbegriff bei Augustinus, eine Arbeit, die schon früh ihr Interesse an der Verbindung von Philosophie und konkreter menschlicher Erfahrung zeigt.

Flucht vor dem Nationalsozialismus

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde Arendt kurzzeitig von der Gestapo verhört, weil sie antisemitische Propaganda für eine zionistische Organisation gesammelt hatte, und floh danach über Frankreich, wo sie zeitweise selbst in einem französischen Internierungslager für „feindliche Ausländerinnen“ festgehalten wurde, schließlich 1941 in die Vereinigten Staaten. Diese eigene Erfahrung von Verfolgung, Staatenlosigkeit und Flucht prägte ihr gesamtes späteres politisches Denken tief und unmittelbar, ganz anders als bei vielen Philosophen, die Totalitarismus nur aus der Distanz analysierten.

Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft

Ihr erstes großes Werk, „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1951), versuchte zu verstehen, wie die beispiellosen totalitären Regime des 20. Jahrhunderts, der Nationalsozialismus und der Stalinismus, überhaupt entstehen konnten. Arendt untersuchte darin unter anderem den europäischen Antisemitismus, den Imperialismus des 19. Jahrhunderts und den Zusammenbruch traditioneller sozialer Klassen und Bindungen, aus deren Zusammenwirken sich, ihrer Analyse nach, entwurzelte, isolierte Massen bildeten, die für totalitäre Ideologien und Bewegungen besonders anfällig wurden. Totalitäre Herrschaft unterschied sie dabei scharf von bloßer Tyrannei oder Diktatur, weil sie nicht nur politische Freiheit unterdrücke, sondern durch Terror und Ideologie jeden Raum für eigenständiges Denken, Pluralität und selbst die Fakten der Realität selbst zu zerstören suche.

Vita activa: Handeln, Herstellen, Arbeiten

In „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ (1958) entwickelte Arendt eine differenzierte Theorie menschlicher Tätigkeit, in der sie drei Grundformen unterschied: Arbeiten, das dem biologischen Lebenserhalt dient und sich ständig wiederholt, ohne bleibendes Ergebnis; Herstellen, durch das der Mensch dauerhafte Werke und eine gemeinsame, bleibende Welt aus Objekten schafft; und Handeln, das für sie die eigentlich politische, zwischenmenschliche Tätigkeit ist, bei der Menschen in ihrer Pluralität, als voneinander verschiedene, einzigartige Wesen, miteinander in Rede und Tat in Erscheinung treten. Gerade dieses Handeln, das in der Öffentlichkeit vor anderen stattfindet und nie vollständig vorhersehbar oder kontrollierbar ist, hielt Arendt für den Kern eines wirklich politischen, freien Gemeinschaftslebens, in Anlehnung an ihr Ideal der antiken griechischen Polis.

Die Banalität des Bösen

Ihr wohl bekanntestes und meistdiskutiertes Werk entstand aus ihrer Berichterstattung für den „New Yorker“ über den Prozess gegen Adolf Eichmann, einen der Hauptorganisatoren der Deportation europäischer Juden in die Vernichtungslager, der 1961 in Jerusalem vor Gericht stand. In „Eichmann in Jerusalem“ (1963) prägte Arendt die vielzitierte, bis heute kontrovers diskutierte Formel von der „Banalität des Bösen“. Sie sah in Eichmann, entgegen dem erwarteten Bild eines dämonischen, fanatischen Hasserfüllten, vor allem einen erschreckend gewöhnlichen, gedankenlosen Bürokraten, der ohne tiefere ideologische Überzeugung oder erkennbaren Hass einfach Befehle ausführte, karrierebewusst funktionierte und dabei offenbar nie wirklich über die moralische Tragweite seines Handelns nachdachte. Nicht dämonische Bosheit, sondern ein erschreckendes Versagen des eigenen Denkens, die Unfähigkeit oder Weigerung, aus der Perspektive anderer zu urteilen, ermögliche demnach, unter den richtigen Umständen, ungeheuerliche Verbrechen durch ganz gewöhnliche Menschen. Das Buch und insbesondere diese These lösten heftige, teils sehr persönliche Kontroversen aus, auch weil Arendt darin zugleich die Rolle einiger jüdischer Ratsgremien während des Holocaust kritisch beleuchtete, was ihr von manchen früheren Weggefährten scharfe, teils lebenslange Entfremdung eintrug.

Urteilskraft und das Denken ohne Geländer

In ihren letzten, unvollendeten Arbeiten, unter anderem posthum veröffentlicht als „Vom Leben des Geistes“, beschäftigte sich Arendt intensiv mit den Fähigkeiten des Denkens, Wollens und Urteilens. Sie prägte dafür das Bild eines „Denkens ohne Geländer“: Nach dem Zusammenbruch traditioneller moralischer und metaphysischer Gewissheiten im 20. Jahrhundert könne man sich beim Urteilen nicht mehr auf feste, vorgegebene Regeln oder Traditionen stützen, sondern müsse in jeder konkreten Situation neu, unter Rückgriff auf die eigene Urteilskraft und im gedanklichen Dialog mit den Perspektiven anderer, selbst verantwortlich urteilen.

Nachwirkung

Hannah Arendt gilt heute als eine der bedeutendsten politischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts, deren Werk sich bewusst zwischen traditioneller Philosophie und konkreter politischer Theorie bewegte, sie selbst bezeichnete sich lieber als politische Theoretikerin denn als Philosophin. Ihre Analyse totalitärer Herrschaft bleibt bis heute ein zentraler Bezugspunkt der Totalitarismusforschung, ihr Konzept der Banalität des Bösen wirkt weit über die Holocaustforschung hinaus in Psychologie, Ethik und Genozidforschung nach, und ihre Betonung von Pluralität, öffentlichem Handeln und eigenständigem Urteilen macht sie zu einer wichtigen Stimme in aktuellen Debatten über Demokratie, Totalitarismus und die Fragilität politischer Freiheit.