Der tägliche Stoiker

„Schicksal führt den Willigen, den Unwilligen schleppt es.“ – Seneca, Briefe an Lucilius,

In diesem Zitat wird eine prägnante Unterscheidung zwischen zwei Haltungskomplexen gegenüber dem Schicksal sichtbar: der Willige und der Unwillige. Seneca impliziert, dass derjenige, der bereit ist, sich dem Fluss des Schicksals hinzugeben, von ihm gelenkt und in Bewegung gesetzt wird. In der Annahme, dass Schicksal und persönliches Wollen im Wechselspiel stehen, zeigt Seneca eine proaktive Lebensauffassung auf, in der der Mensch die Fähigkeit hat, durch Akzeptanz in die Gestaltung seines Lebens einzugreifen.

Im Gegensatz dazu steht der Unwillige, der gegen das Schicksal ankämpft. Diese Abwehrhaltung führt nicht zu einem selbstbestimmten Leben, sondern zum passiven Erleiden von Ereignissen. Der Vergleich zwischen „führen“ und „schleppen“ verdeutlicht zudem die unterschiedlichen Erlebnisqualitäten und Lebensweisen: Während die Willigen aktiv an der Gestaltung ihrer Existenz beteiligt sind, erleben die Unwilligen eine Form des Widerstands und letztlich der Resignation.

Seneca schafft so ein Spannungsfeld, in dem der Einzelne vor der Wahl steht, sich entweder aktiv mit seinem Schicksal auseinanderzusetzen oder sich von ihm treiben zu lassen, was zu einem schmerzlichen, unfreien Dasein führen kann.

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