Avicenna

Avicenna 980 – 1037

Avicenna, mit vollem arabischem Namen Abu Ali al-Husain ibn Abdallah ibn Sina, lebte von 980 bis 1037. Er wurde in einem Dorf bei Buchara geboren, im heutigen Usbekistan, damals Teil des persisch geprägten samanidischen Reichs, einem der kulturellen Zentren der islamischen Welt. Schon als Kind galt er als Wunderkind: Berichten zufolge kannte er den Koran mit zehn Jahren auswendig und hatte sich mit achtzehn die gesamte damals verfügbare Wissenschaft angeeignet, einschließlich Medizin, in der er bereits als praktizierender Arzt tätig war.

Ein Leben zwischen Höfen und Kerkern

Avicennas Leben verlief unstet. Er diente als Arzt und Wesir an mehreren persischen Fürstenhöfen, geriet zeitweise in Ungnade, wurde inhaftiert und musste mehrfach fliehen, oft verkleidet und bei Nacht. Vieles seiner umfangreichen Schriften soll er unterwegs, in Karawansereien oder nachts nach einem Tag am Hof, diktiert haben. Trotz dieses bewegten Lebens hinterließ er ein Werk von rund 450 Titeln, von denen etwa 240 erhalten sind, zu Philosophie, Medizin, Logik, Mathematik, Astronomie und Theologie.

Der Kanon der Medizin

Avicennas einflussreichstes Werk ist der „Kanon der Medizin“ (al-Qanun fi at-Tibb), eine systematische Zusammenfassung des medizinischen Wissens seiner Zeit, gestützt auf Galen, Hippokrates und eigene Beobachtungen. Das Werk wurde ins Lateinische übersetzt und blieb an europäischen Universitäten, etwa in Montpellier oder Padua, bis ins 17. Jahrhundert ein Standardlehrbuch der Medizin, über 500 Jahre lang.

Aristoteles im islamischen Gewand

Philosophisch gilt Avicenna als einer der bedeutendsten Vermittler und Weiterdenker der aristotelischen Philosophie in der islamischen Welt. Er las Aristoteles‘ „Metaphysik“ eigenen Angaben zufolge vierzig Mal, ohne sie zu verstehen, bis ihm ein Kommentar des islamischen Philosophen al-Farabi den entscheidenden Schlüssel lieferte. Avicenna entwickelte daraus ein eigenständiges philosophisches System, das aristotelische Logik und Metaphysik mit neuplatonischen Elementen und dem islamischen Gottesbegriff verband.

Zentral ist seine Unterscheidung zwischen Wesen (Essenz) und Dasein (Existenz). Bei allen geschaffenen Dingen ist das bloße Wesen einer Sache, etwa „Pferd“, noch nicht dasselbe wie die Tatsache, dass dieses Pferd tatsächlich existiert. Existenz kommt dem Wesen von außen hinzu, es ist „möglich“, aber nicht notwendig. Nur bei einem einzigen Wesen fallen nach Avicenna Wesen und Existenz zusammen: bei Gott, dem „notwendigen Seienden“, dessen Existenz nicht von etwas anderem abhängt, sondern aus sich selbst heraus notwendig ist. Alles andere existiert nur, weil es letztlich in dieser einen notwendigen Ursache gründet. Diese Unterscheidung von Essenz und Existenz wurde später von Thomas von Aquin aufgegriffen und weiterentwickelt und zählt zu den folgenreichsten Beiträgen der mittelalterlichen Metaphysik überhaupt.

Das Gedankenexperiment vom schwebenden Menschen

Bekannt ist auch Avicennas Gedankenexperiment vom „schwebenden Menschen“: Man solle sich einen erwachsenen Menschen vorstellen, der plötzlich erschaffen wird, in der Luft schwebend, ohne jeden Sinneskontakt zu seinem Körper oder zur Außenwelt. Dieser Mensch, so Avicenna, wäre sich dennoch seiner eigenen Existenz und seines Selbst unmittelbar bewusst, ganz ohne äußere Wahrnehmung. Daraus schloss er, dass die Seele vom Körper verschieden und unabhängig von ihm existiert. Das Gedankenexperiment wird in der Philosophiegeschichte oft mit Descartes‘ späterem „cogito, ergo sum“ verglichen, obwohl beide unabhängig voneinander entstanden.

Spannung mit der Orthodoxie

Avicennas Philosophie geriet in Konflikt mit strenger religiöser Orthodoxie, unter anderem weil er, im Anschluss an Aristoteles, von einer Ewigkeit der Welt statt einer Erschaffung aus dem Nichts zu einem bestimmten Zeitpunkt ausging und die Auferstehung des Körpers eher philosophisch-metaphorisch deutete. Der spätere islamische Theologe al-Ghazali griff Avicenna und die Philosophen seiner Richtung im 11./12. Jahrhundert in seinem Werk „Die Inkohärenz der Philosophen“ scharf an und warf ihnen vor, in zentralen Punkten vom Glauben abzuweichen. Diese Kritik gilt manchen Historikern, wenn auch vereinfachend, als ein Wendepunkt, der die freie philosophische Spekulation in Teilen der islamischen Welt zunehmend erschwerte.

Nachwirkung

Im 12. Jahrhundert wurden Avicennas Werke ins Lateinische übersetzt und übten großen Einfluss auf die entstehende europäische Scholastik aus, etwa auf Albertus Magnus und Thomas von Aquin, auch wenn dieser in wichtigen Punkten von ihm abwich. In der islamischen Welt selbst blieb er, neben dem späteren Averroes, einer der einflussreichsten Philosophen überhaupt und wird bis heute, unter dem Namen Ibn Sina, als einer der größten Universalgelehrten der Geschichte gefeiert.