
Wasser als Urstoff
Thales lebte etwa von 624 bis 546 v. Chr. in Milet, einer griechischen Handelsstadt an der Westküste Kleinasiens im heutigen Westen der Türkei. Schon in der Antike galt er als einer der „Sieben Weisen“. Aristoteles nannte ihn den Urheber der Philosophie, und diesen Ruf hat er bis heute.
Von ihm selbst ist keine Zeile erhalten, vermutlich hat er nichts Schriftliches hinterlassen. Was wir wissen, stammt aus späteren Berichten von Herodot, Aristoteles und Diogenes Laertios. Manches davon dürfte Legende sein.
Die Grundthese: Alles ist Wasser
Seine berühmteste Lehre besagt, dass Wasser der Urstoff aller Dinge ist. Aus ihm entstehe alles, und in ihn kehre alles zurück. Nach Aristoteles ging Thales vermutlich von der Beobachtung aus, dass Nahrung und Samen feucht sind und Leben ohne Wasser nicht existiert. Die Erde stellte er sich als Scheibe vor, die auf dem Wasser schwimmt. Erdbeben erklärte er durch Wellenbewegungen dieses Wassers.
Ob die These stimmt, ist dabei zweitrangig. Neu war die Art der Frage: Thales suchte den Ursprung der Welt in der Natur selbst und nicht in Göttergeschichten. Er erklärte Erdbeben nicht mit dem Zorn des Poseidon, sondern mit natürlichen Vorgängen. Dieser Schritt vom Mythos zum Logos gilt als Beginn der westlichen Philosophie und Wissenschaft. Thales war deshalb kein Atheist. Überliefert ist sogar der Satz, alles sei voll von Göttern. Aber seine Erklärungen kamen ohne göttliches Eingreifen aus.
Mathematiker, Astronom, Geschäftsmann
Thales wird auch der Beginn der griechischen Geometrie zugeschrieben. Nach ihm ist der Satz des Thales benannt, wonach jeder Winkel im Halbkreis ein rechter ist. Ob er ihn tatsächlich formuliert hat, ist unsicher, denn ähnliches Wissen gab es schon in Babylon und Ägypten. Er soll auch die Höhe der Pyramiden gemessen haben, indem er ihren Schatten mit dem eines Stabes verglich.
Herodot berichtet, Thales habe die Sonnenfinsternis von 585 v. Chr. vorhergesagt. Heute halten viele Forscher das für unwahrscheinlich, denn die damaligen Kenntnisse reichten für eine genaue Prognose kaum aus.
Zwei Anekdoten zeigen, wie man ihn sah. Platon erzählt, Thales sei beim Blick in die Sterne in einen Brunnen gefallen, und eine thrakische Magd habe ihn ausgelacht. Aristoteles erzählt, Thales habe nach einer astronomisch begründeten Prognose einer guten Olivenernte alle Ölpressen gemietet und damit viel Geld verdient. Damit habe er gezeigt, dass Philosophen reich werden könnten, wenn sie nur wollten.
Nachwirkung
Thales begründete die Milesische Schule, zu der seine Nachfolger Anaximander und Anaximenes gehörten. Sie stritten darüber, welcher Urstoff der richtige sei. Anaximander nahm etwas Unbegrenztes an, Anaximenes die Luft. Damit begann in Milet ein Streit unter Denkern, der Vorschläge prüfte und kritisierte, und das prägt die Wissenschaft bis heute.
