Jean-Jacques Rousseau

Jean-Jacques Rousseau 1712 – 1778

Anselm von Canterbury lebte von 1033 bis 1109. Er wurde in Aosta geboren, einer Stadt im heutigen Nordwestitalien, damals Teil des Königreichs Burgund. Nach Streitigkeiten mit seinem Vater verließ er mit etwa 23 JahreJean-Jacques Rousseau lebte von 1712 bis 1778. Er wurde in Genf geboren, damals eine unabhängige calvinistische Stadtrepublik, als Sohn eines Uhrmachers. Seine Mutter starb wenige Tage nach seiner Geburt, sein Vater musste fliehen, als Rousseau zehn war, nachdem er sich in einen Duellstreit verwickelt hatte, sodass der Junge weitgehend ohne feste Familie aufwuchs. Mit sechzehn verließ er Genf und führte über Jahre ein unstetes Wanderleben durch Frankreich und die Schweiz, unter anderem als Lakai, Sekretär, Hauslehrer und Musiklehrer, bevor er sich in Paris niederließ, ohne formale höhere Bildung, aber mit enormem autodidaktischem Wissen.

Der Preisschrift-Skandal

Rousseaus Aufstieg zum berühmten Schriftsteller begann 1749/50 mit einer Preisschrift für die Akademie von Dijon, die die Frage stellte, ob der Fortschritt der Wissenschaften und Künste zur Verbesserung der Sitten beigetragen habe. Rousseau beantwortete die Frage, gegen den Zeitgeist der Aufklärung, mit einem entschiedenen Nein: Zivilisation, Wissenschaft und Kunst hätten den Menschen nicht sittlich verbessert, sondern eher verdorben, korrumpiert und von seiner ursprünglichen Natur entfremdet. Die Schrift gewann den Preis, machte ihn über Nacht berühmt und begründete seinen Ruf als Kulturkritiker, der die vermeintlichen Fortschritte seiner Zeit grundsätzlich infrage stellte.

Der Naturzustand und das Elend der Gesellschaft

In seiner „Abhandlung über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen“ (1755) entwickelte Rousseau ein eigenes Bild vom Naturzustand, das sich deutlich von Hobbes unterscheidet. Der Mensch im ursprünglichen Naturzustand sei kein grausamer Kriegsteilnehmer, sondern ein einfaches, genügsames, weitgehend einzelgängerisches und im Grunde gutmütiges Wesen gewesen, das seine wenigen Bedürfnisse leicht befriedigen konnte und kaum Anlass zu Konflikten hatte. Ungleichheit und Laster entstanden für Rousseau erst mit der Entwicklung von Eigentum, Landwirtschaft und Gesellschaft. Sein berühmter, zugespitzter Satz lautet sinngemäß, der erste Mensch, der ein Stück Land einzäunte und sich einfallen ließ zu sagen, dies sei mein, und der Menschen fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, sei der wahre Begründer der bürgerlichen Gesellschaft gewesen, mit all dem Elend und Unrecht, das seitdem daraus folgte.

Der Gesellschaftsvertrag

Sein einflussreichstes politisches Werk, „Der Gesellschaftsvertrag“ (Du contrat social, 1762), beginnt mit dem berühmten Satz: Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten. Rousseau suchte eine Form der politischen Gemeinschaft, in der sich der Einzelne, trotz seiner Unterordnung unter die Gesellschaft, dennoch so frei bleiben kann wie zuvor. Seine Lösung liegt im Begriff des „volonté générale“, des Gemeinwillens, der sich vom bloßen Willen der Mehrheit oder der Summe der Einzelinteressen unterscheidet, weil er auf das gemeinsame Wohl aller zielt statt auf private Vorteile. Unterwirft sich der Einzelne diesem Gemeinwillen, gehorcht er letztlich nur sich selbst als Teil des Ganzen, und bleibt daher, paradox formuliert, frei, auch wenn er sich der Gemeinschaft unterordnet. Diese Volkssouveränität, bei der die Gesetzgebung letztlich vom versammelten Volk selbst ausgehen muss, wurde zu einer der einflussreichsten Ideen der Demokratietheorie und wirkte stark auf die Französische Revolution, auch wenn Rousseaus Begriff des Gemeinwillens später ebenso als Rechtfertigung für Mehrheitsdiktatur und Zwang gegen Andersdenkende kritisiert wurde, etwa wenn er selbst schreibt, wer sich dem Gemeinwillen widersetze, müsse notfalls „zur Freiheit gezwungen“ werden.

Émile und die natürliche Erziehung

In seinem pädagogischen Roman „Émile oder Über die Erziehung“ (1762) entwarf Rousseau ein revolutionäres Erziehungsideal. Statt einem Kind frühzeitig gesellschaftliche Konventionen, Bücherwissen und Disziplin aufzuzwingen, solle man es sich möglichst frei, in engem Kontakt mit der Natur und den eigenen Erfahrungen entwickeln lassen, entsprechend seinem natürlichen Entwicklungsstand, statt es vorzeitig zu einem kleinen, angepassten Erwachsenen zu formen. Dieses Werk prägte die moderne Pädagogik nachhaltig, unter anderem Denker wie Pestalozzi und Montessori, wird aber zugleich für seine sehr unterschiedliche, weit konventionellere Vorstellung von der Erziehung von Mädchen kritisiert, wie sie Rousseau in einem späteren Teil des Buches am Beispiel der Figur Sophie entwirft.

Verfolgung und Flucht

Der „Émile“ enthielt auch ein Kapitel mit dem sogenannten „Glaubensbekenntnis eines savoyischen Vikars“, in dem Rousseau eine Art natürliche, undogmatische Religiosität jenseits der offiziellen Kirchenlehre vertrat, die auf Gefühl und Gewissen statt auf kirchliche Autorität setzte. Dies führte, zusammen mit Passagen aus dem „Gesellschaftsvertrag“, dazu, dass beide Bücher sowohl in Paris als auch in seiner Heimatstadt Genf öffentlich verbrannt wurden und ein Haftbefehl gegen ihn erging. Rousseau floh daraufhin über mehrere Jahre durch die Schweiz, nach Preußen und zeitweise nach England, wo er kurzzeitig Gastfreundschaft beim schottischen Philosophen David Hume fand. Diese Freundschaft zerbrach jedoch bald an Rousseaus zunehmendem Misstrauen, er warf Hume vor, ihn öffentlich lächerlich machen zu wollen, ein Streit, der damals europaweite Aufmerksamkeit erregte und auch als Zeichen von Rousseaus wachsender psychischer Labilität und Verfolgungsangst gegen Lebensende gedeutet wird.

Die Bekenntnisse

Gegen Ende seines Lebens verfasste Rousseau seine „Bekenntnisse“ (Confessions), postum veröffentlicht, in denen er sein eigenes Leben mit schonungsloser, oft auch selbstquälerischer Offenheit schildert, einschließlich unangenehmer und beschämender Episoden. Das Werk gilt, in bewusster Anlehnung an Augustinus‘ gleichnamiges Werk, als einer der einflussreichsten modernen autobiografischen Texte und Vorläufer der literarischen Selbsterforschung der Romantik.

Nachwirkung

Rousseau starb 1778, kurz nach Voltaire, mit dem er sich lange erbittert gestritten hatte, und wurde später, nach der Französischen Revolution, mit großen Ehren ins Pariser Panthéon überführt. Seine Ideen von Volkssouveränität und Gemeinwillen beeinflussten die Verfassungsdebatten der Französischen Revolution direkt, seine Zivilisationskritik nahm romantische Motive vorweg, und sein pädagogisches Denken wirkt bis in die moderne Reformpädagogik. Zugleich bleibt er ein zutiefst widersprüchlicher Denker: Verfechter individueller Freiheit und zugleich Theoretiker eines Gemeinwillens, dem sich der Einzelne notfalls zu unterwerfen hat, ein Widerspruch, der die Rousseau-Forschung bis heute intensiv beschäftigt.