Friedrich Nietzsche

Friedrich Nietzsche 1844 – 1900

.Friedrich Nietzsche lebte von 1844 bis 1900. Er wurde in Röcken, einem kleinen Dorf in Sachsen, geboren, als Sohn eines lutherischen Pfarrers, der starb, als Nietzsche erst vier Jahre alt war. Er wuchs danach in einem fast ausschließlich weiblichen Haushalt auf, mit seiner Mutter, seiner Schwester Elisabeth, einer Großmutter und zwei Tanten. Schon als Student galt er als außergewöhnliches Talent: Mit nur 24 Jahren, noch ohne abgeschlossene Promotion, erhielt er eine Professur für klassische Philologie an der Universität Basel, eine damals höchst ungewöhnliche Berufung.

Krankheit und früher Rückzug

Nietzsches Gesundheit war zeitlebens fragil, geplagt von schweren Migräneanfällen, Augenleiden und Magenproblemen. 1879, mit nur 34 Jahren, musste er seine Professur krankheitsbedingt aufgeben und lebte fortan als unabhängiger Gelehrter ohne feste Anstellung, meist zurückgezogen und häufig wechselnd zwischen Kurorten in der Schweiz, Italien und Südfrankreich, auf der Suche nach einem Klima, das seine Beschwerden linderte. In diesen Jahren entstand, trotz oder gerade wegen seines Leidens, sein gesamtes reifes philosophisches Werk.

Gott ist tot

Nietzsches vielleicht berühmtester Satz, „Gott ist tot“, findet sich zuerst in der „Fröhlichen Wissenschaft“ (1882), in der Parabel vom tollen Menschen, der mit einer Laterne am hellen Vormittag über einen Marktplatz läuft und nach Gott sucht, während die dort versammelten Menschen, die selbst nicht mehr an Gott glauben, ihn auslachen. Der tolle Mensch verkündet ihnen, sie hätten Gott getötet, alle miteinander, begriffen aber noch nicht die ungeheure Tragweite dieser Tat. Nietzsche meinte damit keine kosmologische Aussage, sondern eine Diagnose der eigenen europäischen Kultur: Der Glaube an den christlichen Gott und die von ihm garantierten absoluten Werte und Wahrheiten sei, durch Aufklärung, Wissenschaft und die innere Erosion des Christentums selbst, für die moderne Gesellschaft nicht mehr wirklich tragfähig, auch wenn die meisten Menschen diese Konsequenz noch gar nicht realisiert hätten.

Nihilismus als Gefahr und Aufgabe

Aus dem „Tod Gottes“ folgt für Nietzsche eine gewaltige Herausforderung: Wenn die alte, religiös verbürgte Ordnung von Sinn und Werten zusammenbricht, droht der Nihilismus, also die Erfahrung, dass nichts mehr wirklich Sinn oder Wert hat, dass alle bisherigen höchsten Werte sich selbst entwerten. Nietzsche verstand sich nicht als Verfechter dieses Nihilismus, sondern als sein Diagnostiker, der ihn kommen sah und nach Wegen suchte, ihn zu überwinden, statt in bloßer Verzweiflung oder Gleichgültigkeit zu verharren.

Kritik an Moral und christlichen Werten

In der „Genealogie der Moral“ (1887) unternahm Nietzsche eine historisch-psychologische Untersuchung, wie die heutige, seiner Ansicht nach vor allem christlich geprägte Moral überhaupt entstanden ist. Er unterschied eine ursprüngliche „Herrenmoral“ vornehmer, lebensbejahender Menschen, die aus eigener Stärke und Selbstbestimmung heraus Werte wie Gut und Schlecht setzten, von einer später entstandenen „Sklavenmoral“, die aus dem Ressentiment der Schwachen und Unterdrückten gegen die Starken hervorgeht und Werte wie Demut, Mitleid und Selbstverleugnung zu höchsten Tugenden erklärt, während sie Stärke, Stolz und Macht als böse verurteilt. Das Christentum sah er als besonders wirkmächtige Ausprägung dieser Sklavenmoral, die Schwäche in eine Tugend umdeute und damit, wie er es zuspitzte, eine Art Rache der Schwachen an den Starken darstelle. Diese Genealogie war als Provokation und Denkanstoß gedacht, nicht als vollständige historische Beweisführung, und wird bis heute kontrovers diskutiert.

Der Wille zur Macht

Als treibendes Grundprinzip alles Lebendigen setzte Nietzsche den „Willen zur Macht“, verstanden nicht primär als politische Herrschaft über andere, sondern als ein grundlegendes Streben nach Selbstüberwindung, Wachstum, Steigerung und schöpferischer Gestaltung, das er dem Willen zum bloßen Überleben oder zur Lust, wie bei Schopenhauer oder den Utilitaristen, entgegensetzte. Einige nachgelassene Notizen zu diesem Begriff wurden postum von seiner Schwester Elisabeth, die eine völkisch-antisemitische Weltanschauung vertrat, in einem von ihr zusammengestellten Buch mit dem Titel „Der Wille zur Macht“ veröffentlicht und dabei in eine Richtung verfälscht, die Nietzsches eigenem Denken in wichtigen Punkten widersprach.

Der Übermensch und die ewige Wiederkunft

In seinem literarisch-philosophischen Hauptwerk „Also sprach Zarathustra“ (1883–1885) entwickelte Nietzsche, in Form einer Art prophetischer Erzählung, zwei seiner bekanntesten Gedanken. Der „Übermensch“ steht für einen Menschentyp, der die alten, von außen auferlegten Werte überwindet und fähig ist, aus sich selbst heraus, aus eigener Kraft und Schöpferkraft, neue Werte zu setzen, statt sich passiv an vorgegebene Normen zu halten. Die „ewige Wiederkunft des Gleichen“ ist ein Gedankenexperiment und zugleich Prüfstein: Man solle sich vorstellen, das eigene Leben, bis ins kleinste Detail, würde sich unendlich oft exakt wiederholen, und danach fragen, ob man dieses Leben, in völliger, uneingeschränkter Bejahung, immer wieder so leben wollte. Wer diese Frage aus vollem Herzen bejahen kann, hat für Nietzsche eine tiefe Lebensbejahung, „Amor fati“, die Liebe zum eigenen Schicksal, erreicht.

Zusammenbruch und Vereinnahmung

1889, in Turin, erlitt Nietzsche einen völligen geistigen Zusammenbruch, vermutlich durch eine fortgeschrittene, zuvor nicht diagnostizierte Erkrankung ausgelöst, über deren genaue Natur bis heute unter Medizinhistorikern diskutiert wird. Er verbrachte die letzten elf Jahre seines Lebens umnachtet und pflegebedürftig, zunächst in der Obhut seiner Mutter, dann seiner Schwester Elisabeth, bevor er 1900 starb. Elisabeth, die sein literarisches Erbe verwaltete, prägte durch selektive und teils gefälschte Herausgabe seiner Schriften über Jahrzehnte ein verzerrtes, nationalistisch und antisemitisch gefärbtes Bild von Nietzsches Denken, das später auch von den Nationalsozialisten missbraucht wurde, obwohl sich in Nietzsches eigenen Texten scharfe, wiederholte Verurteilungen von Antisemitismus und deutschem Nationalismus finden.

Nachwirkung

Nach dieser jahrzehntelangen Fehldeutung setzte erst im 20. Jahrhundert, unter anderem durch sorgfältigere kritische Werkausgaben, eine differenziertere Nietzsche-Forschung ein, die sein Werk von den Verfälschungen seiner Schwester zu trennen suchte. Heute gilt er als einer der einflussreichsten und meistgelesenen Philosophen der Moderne, dessen Kulturkritik, Moralkritik und Sprachstil weit über die akademische Philosophie hinaus auf Literatur, Psychologie, etwa Freud, und die Postmoderne, etwa Foucault und Derrida, gewirkt hat. Gerade seine kompromisslose Religions- und Moralkritik macht ihn bis heute zu einer zentralen Referenzfigur für atheistisches und religionskritisches Denken, auch wenn Nietzsche selbst jede einfache Vereinnahmung, ob religiös oder politisch, zeitlebens misstraut hätte.