
Augustinus lebte von 354 bis 430 n. Chr. Er wurde in Thagaste geboren, einer kleinen Stadt in der römischen Provinz Numidien im heutigen Algerien. Sein Vater Patricius war Heide und städtischer Beamter, seine Mutter Monika eine gläubige Christin, die später als Heilige verehrt wurde. Augustinus erhielt eine gründliche Ausbildung in Rhetorik, zunächst in Thagaste und Madaura, dann in Karthago, der bedeutendsten Stadt Nordafrikas.
Ein unruhiges Leben
Als junger Mann führte Augustinus, wie er selbst in seinen „Bekenntnissen“ schonungslos offenlegt, ein Leben voller Ausschweifung. Er lebte viele Jahre mit einer namentlich nicht überlieferten Frau zusammen, ohne sie zu heiraten, mit der er einen Sohn hatte, Adeodatus. Rund neun Jahre lang schloss er sich den Manichäern an, einer dualistischen Religion, die die Welt als Kampf zwischen Licht und Finsternis, Gut und Böse deutete und damit die Frage nach dem Ursprung des Bösen zu lösen schien, mit der Augustinus zeitlebens rang.
Als Lehrer der Rhetorik ging er nach Rom und dann nach Mailand, wo er 384 eine kaiserliche Professur erhielt, eine der prestigeträchtigsten Positionen seiner Zeit. Dort hörte er die Predigten des Bischofs Ambrosius, der ihm einen neuen, philosophisch anspruchsvolleren Zugang zur christlichen Schrift eröffnete und Augustinus zeigte, dass sich das Christentum nicht auf einen naiven Literalismus reduzieren ließ.
Die Bekehrung im Garten
386 erlebte Augustinus in einem Garten in Mailand die Szene, die er später in den „Bekenntnissen“ als seinen Wendepunkt schildert. In tiefer innerer Zerrissenheit hörte er eine Kinderstimme, die immer wieder „Nimm und lies“ rief. Er schlug daraufhin die Paulusbriefe auf und stieß auf eine Stelle, die ihn zur endgültigen Umkehr bewegte. Ostern 387 ließ er sich von Ambrosius taufen. Kurz darauf starb seine Mutter Monika, deren Lebensweg und Glauben er in den „Bekenntnissen“ ausführlich würdigt.
Augustinus kehrte nach Nordafrika zurück, gründete eine klosterähnliche Gemeinschaft und wurde 391 gegen seinen ursprünglichen Willen zum Priester geweiht, 395 dann Bischof von Hippo Regius, einem Amt, das er bis zu seinem Tod ausübte.
Die Bekenntnisse
In den „Confessiones“, verfasst um 397, blickt Augustinus in Form eines langen Gebets an Gott auf sein bisheriges Leben zurück. Das Werk gilt als eine der ersten großen Selbsterforschungen der abendländischen Literatur und als Vorläufer der modernen Autobiografie, weil es innere Zustände, Zweifel und Widersprüche mit einer bis dahin ungewöhnlichen Offenheit schildert. Im elften Buch entwickelt er seine berühmte Überlegung zur Zeit: Er fragt, was Zeit eigentlich sei, und stellt fest, dass er es genau weiß, solange ihn niemand danach fragt, es aber nicht erklären kann, sobald er es einem Fragenden darlegen soll. Seine Antwort: Vergangenheit und Zukunft existieren nicht eigenständig, sondern nur als Erinnerung und Erwartung im gegenwärtigen Bewusstsein.
Der Gottesstaat
Als die Westgoten 410 Rom plünderten, ein Schock für die gesamte antike Welt, wurde dem Christentum die Schuld gegeben, weil es die alten römischen Götter verdrängt habe. Augustinus reagierte darauf mit seinem umfangreichsten Werk, „De civitate Dei“ (Der Gottesstaat), das er über rund 13 Jahre verfasste. Darin entwirft er eine Geschichtsdeutung, in der sich zwei „Staaten“ oder Gemeinschaften gegenüberstehen: die civitas terrena, die irdische, von Selbstliebe geprägte Gemeinschaft, und die civitas Dei, die himmlische, von Gottesliebe geprägte Gemeinschaft. Beide sind bis zum Ende der Geschichte untrennbar miteinander vermischt, keine irdische Institution, auch nicht die Kirche, ist mit der civitas Dei einfach gleichzusetzen. Das Werk wurde zu einer der einflussreichsten Grundlagen der mittelalterlichen politischen Theologie.
Gnade, Erbsünde und Streit mit Pelagius
Theologisch prägend, aber bis heute umstritten, ist Augustinus‘ Lehre von der Erbsünde: Durch den Sündenfall Adams sei die gesamte Menschheit mit einer ererbten Schuld und einem geschwächten Willen belastet, der aus eigener Kraft nicht zum Guten fähig sei. Der Mensch sei daher vollständig auf die unverdiente Gnade Gottes angewiesen. Diese Position entwickelte er im scharfen Streit mit dem Mönch Pelagius, der die menschliche Willensfreiheit und Eigenverantwortung stärker betonte. Aus der zugespitzten Gnadenlehre entwickelte Augustinus auch eine Prädestinationslehre, wonach Gott von Ewigkeit her bestimmt habe, wer gerettet werde. Diese Lehren wurden später von Luther und vor allem Calvin wieder aufgegriffen, aber auch innerhalb der katholischen Kirche immer wieder kontrovers diskutiert.
Kritisch gesehen wird ebenso seine Haltung im Streit mit den Donatisten, einer nordafrikanischen Kirchenabspaltung. Augustinus rechtfertigte hier den Einsatz staatlichen Zwangs gegen religiöse Abweichler, mit dem Argument, dies diene letztlich deren eigenem Seelenheil. Diese Position wurde später als frühe Rechtfertigung religiöser Verfolgung und Inquisition gelesen und gilt vielen als einer der problematischsten Aspekte seines Werks.
Aus atheistischer und religionskritischer Sicht
Augustinus wird von nichtgläubiger Seite oft zwiespältig beurteilt. Friedrich Nietzsche sah im christlichen Schuld- und Sündenbewusstsein, das Augustinus mitprägte, eine Form von Lebensverneinung und Selbstverachtung. Kritisiert wird auch seine Sicht auf Sexualität und Begierde, die er eng mit der Erbsünde verknüpfte und die in der Geschichte der christlichen Sexualmoral stark nachwirkte. Zugleich respektieren auch viele säkulare Leser seine schonungslose Selbstbefragung in den „Bekenntnissen“ und seine Zeitanalyse, die weit über den theologischen Rahmen hinaus als philosophisch bedeutsam gilt.
Nachwirkung
Augustinus starb 430, während die Vandalen Hippo belagerten, kurz vor dem endgültigen Zusammenbruch der römischen Herrschaft in Nordafrika. Kaum ein anderer Kirchenvater hat das westliche Christentum so nachhaltig geprägt. Die mittelalterliche Scholastik, Luther, Calvin, aber auch Philosophen wie Descartes, dessen „cogito“ Ähnlichkeiten zu Augustinus‘ Gedanken zur Selbstgewissheit aufweist, und im 20. Jahrhundert Hannah Arendt, die über ihn promovierte, setzten sich intensiv mit seinem Werk auseinander.
