Baruch Spinoza

Baruch Spinoza 1632 – 1677

Baruch Spinoza lebte von 1632 bis 1677. Er wurde in Amsterdam geboren, als Sohn einer portugiesisch-jüdischen Familie, die vor der Inquisition auf der iberischen Halbinsel in die vergleichsweise tolerantere Republik der Niederlande geflohen war. Spinoza wuchs in dieser jüdischen Gemeinde auf und erhielt eine traditionelle Ausbildung in hebräischer Schrift und jüdischer Theologie, beschäftigte sich daneben aber zunehmend mit lateinischer Sprache, Descartes und der neuen Naturwissenschaft.

Der Bann

1656 wurde der damals 23-jährige Spinoza von der jüdischen Gemeinde Amsterdams mit einem Cherem belegt, einem strengen Bann, der ihn aus der Gemeinschaft ausschloss. Die genauen Gründe sind nicht vollständig überliefert, doch dürften seine bereits damals unorthodoxen Ansichten über Gott, die Seele und die göttliche Herkunft der Tora eine zentrale Rolle gespielt haben. Der Bannspruch war ungewöhnlich hart formuliert und verfluchte ihn bei Tag und bei Nacht, beim Ausgehen und beim Eingehen. Spinoza nahm daraufhin den lateinischen Namen Benedictus an, die Übersetzung seines hebräischen Vornamens Baruch, beide bedeuten „der Gesegnete“, und lebte fortan weitgehend zurückgezogen, zeitweise als Linsenschleifer, was ihm ein bescheidenes, aber unabhängiges Einkommen sicherte und zugleich sein optisches und naturwissenschaftliches Interesse nährte.

Substanz, Gott oder Natur

Spinozas Hauptwerk, die „Ethik, nach geometrischer Methode dargestellt“ (Ethica ordine geometrico demonstrata), erschien erst nach seinem Tod 1677, da er eine Veröffentlichung zu Lebzeiten für zu gefährlich hielt. Das Werk ist, ungewöhnlich für ein philosophisches Buch, streng nach dem Vorbild von Euklids Geometrie aufgebaut, mit Definitionen, Axiomen und daraus abgeleiteten, bewiesenen Lehrsätzen.

Im Zentrum steht Spinozas Begriff der Substanz. Anders als Descartes, der zwei grundverschiedene Substanzen annahm, Geist und Materie, geht Spinoza von nur einer einzigen, unendlichen Substanz aus, die alles umfasst. Diese eine Substanz nennt er Gott oder Natur, „Deus sive Natura“, wobei beide Namen für dasselbe stehen. Gott ist bei Spinoza kein persönlicher Schöpfer, der außerhalb der Welt steht und sie nach freiem Willen lenkt, sondern die Welt selbst in ihrer Gesamtheit, ihre innere, notwendige Ordnung. Alles, was existiert, sind für Spinoza nur „Modi“, also Erscheinungsweisen dieser einen Substanz, so wie eine Welle nur eine vorübergehende Form des Meeres ist. Geist und Körper, bei Descartes noch zwei getrennte Substanzen, sind für Spinoza nur zwei verschiedene Weisen, ein und dieselbe Wirklichkeit zu betrachten, der sogenannte Attributdualismus bei Substanzmonismus.

Strenger Determinismus

Aus diesem Gottesbegriff folgt bei Spinoza ein radikaler Determinismus. Da alles, was geschieht, notwendig aus der Natur Gottes folgt, so wie aus den Eigenschaften eines Dreiecks notwendig folgt, dass seine Winkel zusammen 180 Grad ergeben, gibt es im strengen Sinn keinen Zufall und keinen freien Willen, weder bei Gott noch beim Menschen. Was wir als freie Entscheidung empfinden, ist nach Spinoza nur Unwissenheit über die Ursachen, die unser Handeln tatsächlich notwendig bestimmen. Wahre Freiheit besteht für ihn nicht darin, ohne Ursache zu handeln, sondern darin, die eigenen Affekte und die Ursachen des eigenen Handelns durch Vernunft zu verstehen und so gelassener, weniger leidenschaftlich getrieben zu leben.

Kritik an der Bibel und der Religion

Bereits 1670 veröffentlichte Spinoza anonym den „Theologisch-politischen Traktat“, in dem er eine der ersten historisch-kritischen Untersuchungen der Bibel vorlegte. Er argumentierte, die biblischen Texte seien von Menschen zu unterschiedlichen Zeiten verfasst und redigiert worden und müssten wie jeder andere historische Text mit den Mitteln der Vernunft und Philologie untersucht werden, nicht als wörtlich unfehlbares Gotteswort gelesen werden. Zugleich plädierte er für weitgehende Meinungs- und Religionsfreiheit und eine klare Trennung von Staat und Kirche, da der Staat, seiner Ansicht nach, nur über äußeres Verhalten, nicht aber über inneren Glauben und Denken bestimmen dürfe. Das Buch löste einen Skandal aus, wurde in mehreren Ländern verboten und Spinoza wurde in der Folge oft, wenn auch vereinfachend, als Atheist gebrandmarkt, obwohl er selbst weiterhin von Gott sprach, nur eben in einem radikal anderen, pantheistischen Sinn.

Ethik ohne Jenseits

Auch seine Ethik verzichtet auf Jenseitsvorstellungen von Himmel oder Hölle als Anreiz für moralisches Handeln. Das höchste menschliche Gut ist für Spinoza die „amor Dei intellectualis“, die intellektuelle Liebe zu Gott, verstanden als das vertiefte, vernünftige Verstehen der notwendigen Ordnung der Natur, aus dem eine tiefe, ruhige Freude entspringt. Wer die Welt auf diese Weise „sub specie aeternitatis“, unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit, begreift, wird nach Spinoza von Angst, Hoffnung auf Belohnung und Furcht vor Strafe zunehmend unabhängig und gewinnt dadurch innere Freiheit und Gelassenheit, ein Ziel, das trotz aller Unterschiede an die Ataraxia der antiken Stoiker und Epikureer erinnert.

Nachwirkung

Zu Lebzeiten und noch lange danach galt Spinoza vielen als gefährlicher Freidenker oder verkappter Atheist, seine Werke standen jahrzehntelang auf dem Index verbotener Bücher. Erst im späten 18. Jahrhundert, vor allem durch die Begeisterung deutscher Dichter und Denker wie Goethe, Herder und später Hegel, wurde er neu entdeckt und zunehmend als einer der bedeutendsten Philosophen der Neuzeit gewürdigt. Sein Gottesbegriff beeinflusste den späteren Pantheismus-Streit in Deutschland maßgeblich, seine Bibelkritik gilt als wichtiger Vorläufer der modernen historisch-kritischen Theologie, und seine Vorstellung von Freiheit als Einsicht in Notwendigkeit wirkt bis in Denker wie Einstein nach, der sich später ausdrücklich auf „Spinozas Gott“ berief, wenn er nach einer geordneten, aber unpersönlichen kosmischen Vernunft gefragt wurde.