Anselm von Canterbury

Anselm von Canterbury 1033 – 1109

Anselm von Canterbury lebte von 1033 bis 1109. Er wurde in Aosta geboren, einer Stadt im heutigen Nordwestitalien, damals Teil des Königreichs Burgund. Nach Streitigkeiten mit seinem Vater verließ er mit etwa 23 Jahren seine Heimat und zog über mehrere Jahre durch Europa, bis er in der Normandie an der Abtei Bec eintrat, einem der bedeutendsten Zentren gelehrter Bildung seiner Zeit. Dort wurde er später Prior und schließlich Abt. 1093 wurde er, gegen seinen eigenen Widerstand, zum Erzbischof von Canterbury ernannt, dem höchsten kirchlichen Amt Englands.

Ein Erzbischof im Streit mit der Krone

Anselms Zeit als Erzbischof war von Konflikten mit den englischen Königen Wilhelm II. und Heinrich I. geprägt, vor allem im sogenannten Investiturstreit, also der Frage, ob weltliche Herrscher oder die Kirche das Recht hatten, Bischöfe in ihr Amt einzusetzen. Anselm verteidigte die Unabhängigkeit der Kirche so beharrlich, dass er zweimal ins Exil auf den Kontinent gehen musste. Trotz dieser politisch turbulenten Umstände entstand ein philosophisch-theologisches Werk von bleibender Bedeutung.

Glauben, um zu verstehen

Anselms Denken lässt sich mit seiner eigenen Formel zusammenfassen: „fides quaerens intellectum“, der Glaube, der nach Verstehen sucht. Anders als etwa bei Thomas von Aquin später steht bei Anselm nicht der Versuch im Vordergrund, den Glauben von außen, durch neutrale Vernunft, zu begründen. Vielmehr setzt der Glaube den Ausgangspunkt, und die Vernunft soll im Nachhinein einsichtig machen, was zuvor schon geglaubt wird. Dieses Programm entwickelte er vor allem in zwei kleinen, aber folgenreichen Schriften, dem „Monologion“ und dem „Proslogion“.

Der ontologische Gottesbeweis

Berühmt wurde Anselm vor allem durch ein Argument im „Proslogion“ von 1077/78, das später als „ontologischer Gottesbeweis“ bekannt wurde, ein Begriff, den erst Kant im 18. Jahrhundert für diese Art von Beweis prägte. Anselm definiert Gott als „das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann“. Selbst wer nicht an Gott glaubt, so sein Argument, versteht diesen Begriff und hat ihn damit zumindest im Verstand. Nun sei es aber größer, nicht nur im Verstand, sondern auch in der Wirklichkeit zu existieren. Würde Gott nur im Verstand existieren, ließe sich etwas noch Größeres denken, nämlich dasselbe Wesen, das zusätzlich auch wirklich existiert. Das widerspricht aber der Ausgangsdefinition, wonach nichts Größeres denkbar ist. Also müsse Gott, aus dem bloßen Begriff heraus, notwendig auch wirklich existieren.

Das Argument versucht damit, allein aus der Vernunft, ohne Rückgriff auf Erfahrung oder die Welt, die Existenz Gottes zu beweisen, ein für die mittelalterliche Philosophie sehr ungewöhnlicher, rein begrifflicher Weg.

Der Mönch Gaunilo widerspricht

Noch zu Anselms Lebzeiten widersprach ihm der Mönch Gaunilo von Marmoutier mit einem berühmten Gegenbeispiel: Man könne sich ebenso die „vollkommenste Insel“ denken, über die hinaus keine schönere gedacht werden kann. Nach Anselms Logik müsste auch diese Insel real existieren, was offensichtlich absurd ist. Anselm antwortete, sein Argument gelte nur für ein notwendiges, unbedingt vollkommenes Wesen wie Gott, nicht für endliche, zufällige Dinge wie eine Insel. Der Streit zwischen beiden gilt als einer der ersten großen philosophischen Disput-Texte des Mittelalters, da Anselm Gaunilos Einwand zusammen mit seiner eigenen Erwiderung der späteren Verbreitung des „Proslogion“ beifügen ließ.

Warum wurde Gott Mensch?

In seiner Schrift „Cur Deus homo“ (Warum Gott Mensch wurde) von etwa 1098 entwickelte Anselm eine bis heute einflussreiche Theorie der Erlösung. Durch die Sünde des Menschen sei Gottes Ehre in unendlicher Weise verletzt worden, eine Verletzung, die nur durch eine unendliche Genugtuung wiedergutgemacht werden könne. Da kein Mensch dazu fähig sei, aber nur ein Mensch stellvertretend für die Menschheit büßen könne, sei es notwendig gewesen, dass Gott selbst Mensch wird, um durch seinen freiwilligen Tod diese Genugtuung zu leisten. Diese sogenannte Satisfaktionstheorie prägte das westliche Verständnis von Kreuzestod und Erlösung über Jahrhunderte, auch wenn sie später, etwa von manchen modernen Theologen, wegen ihres stark juristischen, feudal geprägten Gottesbildes kritisiert wurde.

Nachwirkung

Anselm gilt vielen Historikern als „Vater der Scholastik“, jener mittelalterlichen Methode, Glaubensinhalte mit den Mitteln rationaler, oft an Aristoteles geschulter Logik systematisch zu durchdringen und zu begründen. Sein ontologischer Gottesbeweis blieb, trotz scharfer Kritik etwa von Thomas von Aquin, der ihn ablehnte, und später von Kant, der ihm grundsätzliche logische Fehler nachwies, bis in die Gegenwart ein Gegenstand philosophischer Diskussion. Im 20. Jahrhundert griffen unter anderem Charles Hartshorne und Alvin Plantinga das Argument in modifizierter Form wieder auf. Kaum ein anderes philosophisches Argument aus dem Mittelalter wird bis heute in Lehrbüchern der Logik und Religionsphilosophie so intensiv diskutiert wie Anselms Gottesbeweis.