The daily philosopher

„Tugend ist, was man mit Leidenschaft tut; Laster ist, was man aus Leidenschaft tut.“ – Aurelius Augustinus, 354 – 430 n.Chr.

Augustinus präsentiert hier eine subtile Unterscheidung, die seine gesamte Moralphilosophie durchzieht: Die grammatikalische Präposition entscheidet über die ethische Qualität menschlichen Handelns. „Mit Leidenschaft“ bedeutet kontrollierte Affektivität als Instrument eines übergeordneten Willens, während „aus Leidenschaft“ die Leidenschaft selbst zur unkontrollierten Ursache degradiert. Diese Differenzierung ist charakteristisch für Augustinus‘ Versuch, die antike Tugendlehre mit christlicher Anthropologie zu versöhnen.

Die Formulierung offenbart Augustinus‘ komplexes Verhältnis zur menschlichen Natur. Anders als spätere rigoristische Strömungen verdammt er die Leidenschaft nicht grundsätzlich – sie wird zum wertvollen Werkzeug, wenn sie einem gottgefälligen Willen untergeordnet bleibt. Problematisch wird sie erst, wenn sie autonom agiert, wenn der Mensch zum Getriebenen seiner Affekte wird. Diese Hierarchie des Willens ist zentral für seine Konzeption der Willensfreiheit: Der Mensch ist frei, sofern er seine Leidenschaften beherrscht; unfrei, wenn sie ihn beherrschen.

Besonders aufschlussreich ist diese Maxime vor dem Hintergrund von Augustinus‘ eigenem Leben. Seine „Confessiones“ dokumentieren ausführlich seinen jahrzehntelangen Kampf mit fleischlichen Begierden. Das berühmte „Da mihi castitatem, sed noli modo“ – „Gib mir Keuschheit, aber noch nicht jetzt“ – illustriert präzise die Situation des „aus Leidenschaft“ Handelnden. Erst nach seiner Bekehrung 386 n.Chr. glaubte er, die Leidenschaften „mit“ seinem neugewonnenen christlichen Willen nutzen zu können.

Augustinus (354-430 n.Chr.) war nordafrikanischer Rhetor, Bischof von Hippo und einer der einflussreichsten christlichen Denker. Seine intellektuelle Entwicklung führte vom Manichäismus über den Skeptizismus zum Christentum, wobei neuplatonisches Denken bleibende Spuren hinterließ. Sein Werk prägte die westliche Theologie fundamental, insbesondere durch seine Erbsündenlehre und Gnadenlehre.

Aus atheistischer Perspektive lässt sich Augustinus‘ Konstruktion als raffiniertes Herrschaftsinstrument lesen: Die willkürliche Unterscheidung zwischen legitimer und illegitimer Leidenschaft verschleiert, dass beide Kategorien letztlich kulturell konstruiert sind. Was „mit“ Leidenschaft zu tun legitim ist, definiert die religiöse Autorität – eine Machtgeste, die natürliche Triebe pathologisiert und ihre „Heilung“ monopolisiert.

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