„Beauty is no quality in things themselves: It exists merely in the mind which contemplates them; and each mind perceives a different beauty.“ – David Hume, 1711 – 1776, Of the Standard of Taste
David Hume, schottischer Aufklärer und radikaler Empirist, gilt als einer der einflussreichsten Philosophen der Neuzeit. Seine religionskritischen Schriften, insbesondere „Dialogues Concerning Natural Religion“ und „The Natural History of Religion“, erschütterten theologische Grundfesten durch konsequente Anwendung skeptischer Methodik. Hume verwarf Gottesbeweise, Wunderglauben und metaphysische Spekulationen zugunsten einer Philosophie, die ausschließlich auf beobachtbarer Erfahrung basiert. Sein ästhetischer Essay „Of the Standard of Taste“ (1757) überträgt diese empiristische Grundhaltung auf die Kunsttheorie.
Das Zitat formuliert eine radikale Position im ästhetischen Diskurs: Schönheit besitzt keine objektive Existenz in den Dingen selbst, sondern entsteht ausschließlich im wahrnehmenden Bewusstsein. Hume vollzieht damit eine kopernikanische Wende der Ästhetik – weg von platonischen Ideen ewiger Schönheit, weg von göttlich verordneten ästhetischen Normen, hin zum menschlichen Subjekt als alleinigem Ursprung ästhetischer Werturteile. Diese Säkularisierung des Schönheitsbegriffs ist konsequent atheistisch gedacht: Wenn Schönheit nicht in den Objekten wohnt, existiert auch kein göttlicher Plan, keine transzendente Ordnung, die ästhetische Qualitäten garantiert.
Der zweite Satzteil radikalisiert diese Subjektivierung weiter: Nicht nur liegt Schönheit im Betrachter, jeder Betrachter nimmt eine andere Schönheit wahr. Hume antizipiert hier moderne relativistische Positionen, destabilisiert jedoch zugleich jede verbindliche Geschmackslehre. Interessanterweise führt er im weiteren Essay-Verlauf den „Standard of Taste“ ein – erfahrene Kritiker mit geschultem Urteilsvermögen sollen über besseren und schlechteren Geschmack entscheiden können. Diese Spannung zwischen radikalem Subjektivismus und dem Bedürfnis nach normativen Kriterien bleibt produktiv ungelöst.
Humes Position eliminiert metaphysische Fundierungen ästhetischer Urteile und verlagert die Diskussion auf empirisch überprüfbare psychologische Mechanismen. Der Mensch wird zum Maßstab seiner ästhetischen Welt, ohne Rückversicherung durch göttliche Instanzen. Diese Denkfigur korrespondiert mit Humes religionskritischem Projekt: Wie Religion als menschliche Projektion entlarvt wird, erscheint auch Schönheit als menschliche Konstruktion. Die Konsequenz ist eine Ästhetik ohne transzendente Garantien – modern, ungesichert, ausschließlich menschlich.
