The daily philosopher

„Ton knetend formt man Gefässe. Doch erst ihr Hohlraum, das Nichts, ermöglicht die Füllung. Das Sichtbare, das Seiende, gibt dem Werk die Form. Das Unsichtbare, das Nichts, gibt ihm Wesen und Sinn.“ – Laotse

Laotes Zitat aus dem Dao De Jing beleuchtet eine fundamentale philosophische Kontroverse über das Verhältnis von Sein und Nichts, eine Thematik, die in der chinesischen Philosophie von zentraler Bedeutung ist. Die kreative Tätigkeit des Menschen – hier das Formen von Töpferwaren – wird verwendet, um den dualistischen Charakter der Existenz zu veranschaulichen. Auf der einen Seite steht das Sichtbare, das in greifbare Formen und Strukturen übersetzbar ist. Auf der anderen Seite wird der Hohlraum als „Nichts“ definiert, das wesentlich für die Funktionalität und Bedeutung der Geschöpfe ist.

In dieser Betrachtung kann das ‚Nichts‘ als Metapher für das Fehlen von Substanz, aber auch als Voraussetzung für Möglichkeiten verstanden werden. Der Hohlraum in einem Gefäß ist nicht nur passiv, sondern die Voraussetzung, die das Gefäß erst sinnvoll macht: erst durch die Leere wird die Füllung – und damit der Zweck des Gefäßes – möglich. Diese Erkenntnis steht im Widerspruch zu den westlichen Denkstrukturen, die oft das Seiende, das Sichtbare als das Wesentliche betrachten. Laotse hebt hingegen hervor, dass das Unsichtbare – das Nichts – einen ontologischen Status besitzt, der dem Sichtbaren Sinn verleiht.

Die atheistische Dimension dieser Philosophie könnte als eine Abkehr von transzendenten, göttlichen Erklärungen interpretiert werden. Anstelle einer metaphysischen Schöpfungskraft ist es das Nichts, das mit den Formen in der Welt und deren Bedeutung in Beziehung steht. In dieser Sichtweise wird die Bedeutung nicht durch eine göttliche Erzählung bestimmt, sondern als Ergebnis der Wechselbeziehung zwischen Sein und Nichts, wo die Abwesenheit von Fülle ebenso viel Aussagekraft hat wie das Vorhandensein von Materie. Die Philosophie Laotses eröffnet somit einen Weg, die Welt jenseits von dogmatischen Glaubenssystemen zu verstehen, in dem sowohl das Sichtbare als auch das Unsichtbare ihre jeweilige Funktion und Bedeutung behaupten.

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