
Parmenides lebte etwa von 520 bis 460 v. Chr. in Elea, einer griechischen Kolonie in Süditalien, dem heutigen Velia südlich von Neapel. Die Lebensdaten sind nur grob überliefert. Er gilt als Gründer der Eleatischen Schule und war Gesetzgeber seiner Stadt. Anders als bei den Denkern aus Milet und Ephesos ist von ihm ein größerer Text erhalten: ein Lehrgedicht in Hexametern, meist „Über die Natur“ genannt. Etwa 150 Verse sind überliefert.
Die Reise zur Göttin
Das Gedicht beginnt mit einem Bild: Der Sprecher fährt auf einem Wagen, gezogen von Stuten und geleitet von den Töchtern der Sonne, durch das Tor von Tag und Nacht. Dort empfängt ihn eine Göttin und offenbart ihm die Wahrheit. Parmenides beruft sich also nicht auf eigene Beobachtung, sondern auf eine göttliche Offenbarung. Zugleich verlangt die Göttin, ihre Rede mit dem Verstand zu prüfen, statt sich auf die Sinne zu verlassen. Das ist ein früher Grundsatz des Rationalismus.
Das Sein ist, das Nichtsein ist nicht
Die Göttin nennt zwei denkbare Wege. Auf dem ersten gilt: Es ist, und es kann nicht nicht sein. Auf dem zweiten gilt: Es ist nicht. Der zweite Weg ist nach Parmenides unbegehbar, denn das Nichts lasse sich weder erkennen noch aussprechen. Aus dieser Überlegung folgen strenge Schlüsse. Das Seiende kann nicht entstehen, denn es müsste aus dem Nichts kommen. Es kann nicht vergehen, denn es müsste ins Nichts übergehen. Es ist ungeteilt, unbewegt und vollendet, und das Gedicht vergleicht es mit einer wohlgerundeten Kugel.
Aus diesen Prämissen folgt, dass Werden, Vergehen und Bewegung nicht wirklich existieren. Sie sind Täuschungen der Sinne. Die Welt, die wir wahrnehmen, ist demnach Schein, und nur das Denken erreicht die Wahrheit. Das ist die radikalste Gegenposition zu Heraklit, für den der Wandel das eigentlich Wirkliche war. Ob Parmenides das Sein als Ganzes der Welt oder als logische Kategorie verstand, wird bis heute diskutiert.
Wahrheit und Meinung
Das Gedicht hat zwei Teile. Nach dem „Weg der Wahrheit“ folgt der „Weg der Meinung“, in dem die Göttin eine Erklärung der Welt entwirft, mit Licht und Nacht als Grundprinzipien. Sie warnt aber, dass dies nur eine plausible Darstellung dessen sei, was Sterbliche meinen. Wie beide Teile zusammenhängen, ist eine der großen Streitfragen der Forschung.
Schüler und Nachwirkung
Sein Schüler Zenon von Elea verteidigte die Lehre mit berühmten Paradoxien. Am bekanntesten ist die von Achilles und der Schildkröte: Der schnelle Läufer könne die Schildkröte nie einholen, weil er zuerst ihren Vorsprung aufholen müsse, und dann wieder den neuen. Damit wollte Zenon zeigen, dass Bewegung widersprüchlich gedacht wird.
Philosophiegeschichtlich war Parmenides ein Wendepunkt. Spätere Denker mussten erklären, wie Wandel trotz seiner Argumente möglich ist. Empedokles und Anaxagoras antworteten mit unveränderlichen Grundstoffen, die sich nur mischen und trennen. Demokrit entwarf die Atomlehre, in der Atome unveränderlich sind, sich aber im leeren Raum bewegen und damit das „Nichtsein“ zulassen. Platon widmete ihm einen ganzen Dialog und nannte es im „Sophistes“ einen Vatermord, dass er seinen Lehrsatz vom Nichtsein angreifen müsse. Für Heidegger war Parmenides ein Kronzeuge der Frage nach dem Sein.
