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Die Religion wirkt auch nach dem Tod Gottes weiter: Über Peter Sloterdijks neue Theopoetik

Die Welt ist entzaubert, aber das religiöse Sprechen ist aktueller denn je. Das hat durchaus seinen Grund: Es bietet Dichtung vom Feinsten. Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk spürt ihr in seinem neuen Werk nach.

Von Daniel Kehlmann – gefunden bei nzz.ch

Peter Sloterdijk

Zu den Tatsachen unserer Zivilisation, die man ausserirdischen Besuchern nur schwer erklären könnte, gehört der Umstand, dass es an unseren Universitäten neben Fakultäten für Philosophie, Wissenschaft, Sprache und Medizin immer noch solche für Theologie gibt. Warum dann nicht auch Alchimie, Drachenkunde oder Astrologie, könnten die Besucher fragen, und sie würden es wohl auch sehr merkwürdig finden, dass man in so vielen Ländern unter dem Druck der Pandemie die Theater schliesst, die Kirchen aber offen hält.

Wer da um Antworten verlegen ist, dem könnte man Peter Sloterdijks neues Buch, «Den Himmel zum Sprechen bringen», empfehlen. In ihm wird erklärt, warum die Religion auch lange nach Gottes Tod noch mit uns ist, in privaten wie in amtlichen Erscheinungsformen.

Religiöses Gedankengeflecht

Die sogenannte Tiefe des religiösen Sprechens, die ihre Wirkung auch auf Atheisten selten verfehlt, sei, so analysiert Sloterdijk, nichts anderes als eine Eigenschaft bestimmter Sprachspiele. Er nennt sie «theopoetisch», und meint damit einen gewissen Tonfall selbstbezüglicher, mit Zitaten angereicherter Dichtung – dem wir vor allem deshalb sogleich metaphysischen Widerklang zuschreiben, weil wir uns das seit der Antike so beigebracht haben: Wann immer er den Himmel zum Sprechen bringen wollte, sprach der Mensch auf diese Art.

Sloterdijks Verständnis für alles, wodurch Religion sich selbst Anziehungskraft verschafft, ist gnadenlos, aber nicht frei von Sympathie. Er verfolgt das Phänomen in einer Reihe elegant miteinander verbundener Nachforschungen bis in seine frühen Erscheinungsformen bei den im griechischen Theater höchstpersönlich auftretenden Göttern und wieder zurück in die Gegenwart.

Wie entstanden die wenig plausiblen heiligen Gedankensysteme, wodurch setzten einige davon sich durch und andere nicht? Wie ist es möglich, «dass aus Schriften von evidentem Zitat- und Kompilationscharakter sowie von unverhohlen poetischem bildersprachlichem Gepräge, hervorgegangen aus der Einverleibung früherer Dichtung und aktualisiert in performativen Neuaufführungen älterer Liturgien, gesellschaftsformende, zivilisationsbestimmende, seelenformbildende Absoluta entstehen konnten, denen es gelang, ihren poetischen, fiktionalen bzw. mythischen Charakter unsichtbar zu machen»?

Wie es einer so komplexen Frage angemessen ist, entwirft «Den Himmel zum Sprechen bringen» keine simple Sozialtheorie der Religion. Das Buch spannt vielmehr ein Gedankengeflecht auf zwischen dem alten Ägypten, wo das Phänomen der ständigen Beobachtung eines, und nur eines, Einzelnen (nämlich des Pharao) durch den Himmel erfunden wurde, der Spätantike mit ihren «theopoetischen» Sprachschöpfungen in Drama und Prosa, dem monotheistischen Eroberungsfuror des Islam sowie dem Protestantismus und seinem «Glauben an die Grammatik» – immer geprägt von der Klarheit, der Ironie und der Gestaltungsfreude des grossen Stilisten.

Der Mensch unter Beobachtung

Wenn man Isaiah Berlins klassische Unterscheidung der Denkertypen Fuchs und Igel anwendet, nach welcher der Fuchs viele Dinge weiss, der Igel aber ein grosses Ding, fällt Peter Sloterdijk wohl unter die Füchse: Selten bietet er ein alles erklärendes System auf, aber er weiss überwältigend viel und durchwirkt dieses Wissen mit seinem hellen, nie vom Status quo verengten Urteilsvermögen.

Zwar fügen sich seine Werke durchaus ineinander, sie tun es aber eher in organischer Weise: Ein zentrales Buch ist wohl «Du musst dein Leben ändern», erschienen 2009, in dem Sloterdijk eine Theorie des Übens entwickelt und den Menschen als ein sich selbst auf ein immer zunächst unmögliches Ziel hin trainierendes Wesen definiert. Vor diesem Hintergrund kann man auch seine Betrachtungen zur Religion verstehen: Der Gläubige ist einer, der sich selbst als vollständig Wahrgenommener empfindet und sein Benehmen in ständiger Übung danach ausrichtet. Eben hierin liegt auch die Moral schaffende Dimension des religiösen Weltgefühls: Beobachtete Leute verhalten sich nun einmal anständiger als Ungesehene.

Sloterdijks Blick ist einer der grossen Überschau, der aber immer wieder Pointen aus der unerwarteten Fokussierung auf Details schlägt: «Sogar als er sich singulär im Modus Menschenwerdung offenbarte, verriet [Gott] orientalisierende Neigungen; Bethlehem und sein Komet sind in religionsgeografischer Sicht quintessenzielles Morgenland. Gott hätte, von chronologischen Gründen abgesehen, nicht in Husum oder Reykjavik Mensch werden können.» (Für alle, die Humor gerne analysieren, sei erwähnt, dass das Witzigste an diesem Satz nicht die zwei nordischen Städtenamen sind, sondern das ihnen federleicht vorausgeschickte «von chronologischen Gründen abgesehen».)

Den Umstand, dass Gott aber aller Wahrscheinlichkeit nach bei alldem überhaupt nicht existiert und dass jede Offenbarung letztlich eine menschliche Schöpfung ist, muss Sloterdijk, anders als der Brachialaufklärer Richard Dawkins, nicht eigens darlegen. Das versteht sich unter den vernünftigen Menschen, für die er seine Bücher verfasst, von selbst.

Hohe Form der Gelassenheit

Und da er so frei ist von jeder Tendenz zum Volksbelehrer, kann Sloterdijk es sich auch leisten, die Anziehungskraft des religiösen Sprechens nicht mit kaltem analytischem Blick, sondern mit Empathie zu betrachten: «Der offensive ‹Monotheismus›, ob altiranisch, jüdisch, christlich oder islamisch codiert, [. . .] sprach, vor allem wenn er Gott den Barmherzigen nannte, am meisten zu den Verdammten dieser Erde und denen, die sich mit der nie ganz verheilenden Wunde der Ungeliebten quälen. Für sie gilt das Marxsche Diktum, die Religion sei ‹das Gemüt einer herzlosen Welt›. Er zog die Mühseligen und Beladenen in seinen Bann, sobald sie spürten: Glauben bedeutet, in einer mitleidlosen, unbrüderlichen, dem Ruin geweihten Welt trotz allem eine Chance spüren dürfen.»

Immer wieder fühlt man sich, eher durch die Haltung als durch den Ton, an einen berühmten Lehrer Sloterdijks erinnert: Chandra Mohan Jain, der sich Bhagwan Shree Rajneesh und später Osho nannte. Bekanntlich suchte der junge Sloterdijk Bhagwans Ashram in Pune auf, und danach trug er noch eine Weile den orangefarbenen Umhang der Sanyasin.

Wer Bhagwan/Osho nun nicht einfach nur als Gründer einer später dysfunktionalen Sektengemeinschaft wahrnimmt, sondern tatsächlich seine Vorträge liest oder auch nur die funkelnd hintergründigen Interviews dieses Mannes anhört, wird ein fernes Echo seiner antimetaphysischen Heiterkeit, seiner dolchscharfen Ironie und seiner Liebe zum Paradox noch im jüngsten Religionsbuch von Bhagwans deutschem Schüler wahrnehmen, der seinem Lehrer entwuchs, um einer der wichtigsten Denker unserer Zeit zu werden. Hätte Sloterdijk den Titel «Wittgenstein der Religion» nicht schon an Osho vergeben, man würde ihn nach diesem Werk gerne ihm selbst zuerkennen.

Das Buch endet mit einem Plädoyer, nicht für die Abschaffung, sondern für die «überraschende, erhebende, skandalöse Nutzlosigkeit» der Religion in der säkularen Gesellschaft. «Was von den historischen Religionen bleibt, sind Schriften, Gesten, Klangwelten, die noch den einzelnen unserer Tage gelegentlich helfen, sich mit aufgehobenen Formeln auf die Verlegenheit ihres einzigartigen Daseins zu beziehen. Das Übrige ist Anhänglichkeit, begleitet vom Verlangen nach Teilhabe.»

Dieser schlechthin perfekten Formel ist nichts hinzuzufügen, ausser vielleicht, dass ein Bewusstseinszustand, der solch ein Buch hervorbringen kann – so heiter gelassen, so freundlich gegenüber Gemütsverfassungen, die er als überwunden erkennt –, vielleicht wirklich das letzte Stadium auf dem langen Weg der Aufklärung ist: nicht die Bekämpfung der Religion, wie sie Voltaire und Diderot noch vorschweben musste, sondern deren spöttische, fröhliche Wertschätzung als faszinierendes Relikt. Erst wenn so etwas möglich ist, ist Gott wirklich tot. Und bei Gott, das wäre keine schlechte Nachricht.

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