AllerleiLiteraturPolitik und Wirtschaft

Die Medien-Gaukler

Demokratie braucht Demagogie. Rezension von Rainer Mausfelds „Warum schweigen die Lämmer?“.

von Mathias Bröckers – gefunden bei Rubikon.news

Dass der „mündige Bürger“, der mit „freiem Willen“ in „demokratischen Wahlen“ entscheiden soll, in der Praxis einer Gehirnwäsche unterzogen werden muss, ist eine Grundvoraussetzung der „Demokratie“. Wie dies organisiert wird, ist unter anderem Thema des neuen Buchs von Rainer Mausfeld.



Dass die alten Griechen im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung
einst erfanden, was wir heute Demokratie nennen – jeder volljährige
Bürger hat eine Stimme, das Staatsvolk trifft mittels freier Wahlen
seine am Gemeinwohl orientierten Entscheidungen und die Minderheit beugt
sich dem Willen der Mehrheit – entspricht nur sehr bedingt der
historischen Realität. Stimmberechtigt waren in Athen nur die „freien
Männer“, die etwa 10 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten.

Nur so konnte man davon ausgehen, dass halbwegs verantwortungsvoll
und informiert im Sinne des Gemeinwohls entschieden würde, denn wer
keine Ahnung hat, worum es überhaupt geht, wählt ja immer nur seinen
persönlichen Vorteil, also das Falsche. Nicht gemeint war daher von
Anfang an: Jede/r wählt mit. Dieses Szenario kannten die Griechen nur
als Alptraum unter dem Begriff „Ochlokratie“ – also „Herrschaft des
Pöbels“.

Doch auch dem reduzierten demos der Wahlberechtigten war nicht
wirklich zu trauen: „Die Masse ist in ihren Auffassungen unstet und
wetterwendisch, für ihre Fehlleistungen macht sie andere
verantwortlich“, befand der Historiker Thukydides, der aber gleichzeitig
auch die persönlichen Schwächen politischer Herrscher sah, deren
Handeln vor allem durch „Verlangen nach Macht, um Herrschsucht und
Ehrgeiz zu befriedigen“ geleitet würde. Als ideal sah Thukydides deshalb
eine Regierungsform an, die beide Schwachpunkte vermeiden könne, wenn
sie „dem Namen nach eine Demokratie, in Wirklichkeit die Herrschaft des
Ersten Mannes“ sei.

Der Philosoph Aristoteles plädierte dann für eine „Herrschaft der
Angesehenen und Besitzenden“, die dafür sorgen müsse, dass weder die
Massen noch Tyrannen die Übermacht gewinnen könnten, denn in der
Demokratie liege die Gefahr, „dass die Armen, weil sie Mehrheit
bildeten, das Vermögen der Reichen unter sich aufteilten“. Und etwa 2000
Jahre später, als anno 1787 in den Vereinigten Staaten die erste
Demokratie der Neuzeit gegründet wird, formuliert einer der Väter der
Verfassung, James Madison, die Problemlage so: „Die erste Verantwortung
der Regierung ist es, die Minderheit der Reichen vor der Mehrheit zu
schützen.“

Getauft wurde das Kind, mit dem das Spannungsverhältnis zwischen Volk
und Eliten ausbalanciert werden sollte, „repräsentative Demokratie“ und
unter diesem Banner segeln heute die meisten Staaten auf der Welt. Sie
sind also ganz im Sinne von Thukydides und Aristoteles dem Namen nach
Demokratien, de facto aber Oligarchien, die Herrschaft von wenigen
Reichen, deren erstes Interesse die Sicherung ihres Eigentums ist.

Dass dieses Eigentum verpflichtet, wie es noch heute in vielen
Verfassungen steht, wussten auch schon die reichen Athener – wenn
aufgrund der zahlreichen auswärtigen Kriege die Massen in der Stadt
hungerten, wurde ein antikes Hartz4 – „Diobolein“ – ausgezahlt: jeder
Arme bekam einen Essenszuschuss von zwei Obolen pro Tag. Sobald sich die
Lage entspannte und keine inneren Aufstände mehr drohten, wurde diese
„Sozialhilfe“ wieder gestrichen und begnadete Demagogen wie Perikles
besänftigten das Volk mit Reden, dass so alles seine Richtigkeit habe.
Es waren die Meister der Rhetorik, angesehene Redner, die als demagogos,
das heißt, Führer des Volkes, bezeichnet wurden. Der Begriff war noch
nicht negativ konnotiert, erst in der Neuzeit wurde daraus ein
lügnerischer Hetzer.

Der Job der Demagogen aber war immer der gleiche –
Wahrnehmungsmanipulation, Bewusstseinssteuerung und Empörungsmanagement
der Massen – und auch wenn sich ihr Arsenal dank der Medien heute stark
erweitert hat, sind ihre Techniken die gleichen geblieben. Es geht
darum, mit imaginativen Bildern und Inszenierungen die Vorstellungswelt
der Bevölkerung zu beeinflussen und zu lenken. Und dies im Idealfall so,
dass den Betroffenen gar nicht auffällt, dass und wie sie beeinflusst
und gesteuert werden.

Auch wenn also schon seit dem antiken Griechenland bekannt ist, dass
„Demokratie“ stets auch der „Demagogie“, der Beeinflussung und Lenkung
der öffentlichen Meinung bedarf, ist Letztere – auch unter
freundlicheren Namen wie Propaganda, Public Relations oder Werbung –
eher ein Un-Thema öffentlicher Debatten. Dass der auf dem Papier
„mündige Bürger“, der mit „freiem Willen“ in „demokratischen Wahlen“
entscheiden soll, in der Praxis einer Gehirnwäsche unterzogen werden
muss, hat mit Mündigkeit, Freiheit und Volksherrschaft eigentlich nichts
zu tun – ist aber eine Grundvoraussetzung für das, was wir heute
„repräsentative Demokratie“ nennen.

„Gehirnwäsche“ ist ein starkes Wort und wie „Demagogie“ sehr negativ
besetzt, im Weichspülgang lassen sich sicher freundlichere Worte dafür
finden, aber es macht klar, was gemeint ist: die Konditionierung der
Mehrheit im Interesse einer herrschenden Minderheit. Wie dies am besten
funktioniert, hat Noam Chomsky vor einiger Zeit einmal so
zusammengefasst:

„Der intelligente Weg, Menschen passiv und fügsam zu halten, besteht
darin, das Spektrum akzeptabler Meinungen strikt zu begrenzen, aber eine
sehr lebhafte Debatte innerhalb dieses Spektrums zu ermöglichen – und
sogar kritischere und abweichende Ansichten zu fördern. Das gibt den
Menschen das Gefühl, dass freies Denken stattfindet, während die
Voraussetzungen des Systems immer wieder durch die Grenzen des
zulässigen Bereichs der Debatte verfestigt werden.“

Wie dieser Zaubertrick angewendet wird , wie Fakten unsichtbar
gemacht und Illusionen geschaffen werden, wie moralische Empörung durch
Fragmentierung und Re-Kontextualisierung kanalisiert und organisiert
wird – darum geht es unter anderem in dem Buch von Rainer Mausfeld
„Warum schweigen die Lämmer?“.

Diese Frage war auch der Titel eines Vortrags, den der Autor vor
einigen Jahren hielt und der zu seiner Überraschung im Internet sehr
viele Zuschauer fand, eine Fortsetzung unter dem Titel „Die Angst der Machteliten vor dem Volk
hatte in den letzten 12 Monaten fast 900.000 Zuschauer. Dies mag auch
damit zu tun haben, dass Rainer Mausfeld, bis zu seiner Emeritierung
Professor für Wahrnehmungs- und Kognitionsforschung an der Universität
Kiel, dank seiner Profession besonders geeignet ist, nicht nur an den
Oberflächen von Medienmanipulation und Fake-News zu kratzen, sondern
ihre psychologischen Grundlagen deutlich zu machen. Ein Beispiel dafür
ist die nachfolgende Grafik:

Bild

Während wir im linken Bild nur geometrische Fragmente sehen können,
die scheinbar keinen Sinn ergeben, erkennen wir die identischen
Bruchstücke auf der rechten Seite sofort als Buchstaben „R“: die
schwarze Verdeckung macht die Ursache der Fragmentierung sichtbar und
erlaubt es, das Verdeckte mental zu ergänzen:

„Hier zeigt sich eine allgemeine Gesetzmäßigkeit des Psychischen,
die auch bei unserem Thema von Interesse ist. Ein Sinnzusammenhang von
Fakten lässt sich durch eine fragmentierte Darbietung gleichsam auflösen
oder unsichtbar machen. Wir nehmen diese Fakten dann, wie in der Regel
beim Lesen einer Tageszeitung, lediglich als eine Ansammlung isolierter
Informationsfragmente wahr. Sobald jedoch eine Möglichkeit besteht,
diese Fakten miteinander in Beziehung zu setzen, wird für uns auch die
Ursache der Fragmentierung erkennbar und wir haben keine Schwierigkeiten
mehr, den Bedeutungszusammenhang zu erkennen.“

Mir fielen bei diesem Beispiel sogleich die vielen
„Informationsfragmente“ über die Anschläge des 11. September 2001 ein,
die in der offiziellen Darstellung der Ereignisse unsichtbar gemacht
wurden – um dann unter den verbliebenen Fragmenten mit einem großen
Tintenklecks, dem 9/11 Commission Report, einen Bedeutungszusammenhang
(„Osama war’s!“) zu stiften. Dies war aber nur um den Preis möglich,
alle unpassenden Informationen zu ignorieren, aufzulösen, unsichtbar zu
machen – von den ungeklärten Identitäten der „Hijacker“, über die
militärischen Manöver, die genau an diesem Tag die Entführung von
Zivilflugzeugen „simulierten“, bis zu den im freien Fall einstürzenden
WTC-Türmen.

In dem Buch finden sich viele Beispiele, wie auch „große“ Fakten
einfach unsichtbar gemacht werden können, indem sie im Rahmen des
Meinungs- und Empörungs-Managements in einen anderen Zusammenhang
gestellt werden. Die unbestreitbare Tatsache, dass in dem seit 9/11 von
der „westlichen Wertegemeinschaft“ geführten „War On Terror“ bis dato
etwa vier Millionen Muslime getötet und etliche Länder bombardiert und
entstaatlicht wurden, kann im öffentlichen Diskurs über Terrorismus,
Islam, Migration nur ausgeblendet werden, wenn dieses moralisch
empörende, massenmörderische Großverbrechen radikal re-kontextualisert
und als alternativloser „Kampf für Demokratie und Menschenrechte“
hingestellt wird.

Bild
„Der Gaukler“ von Hieronymus Bosch (1503)

Als Kenner psychologischer Wahrnehmungsmechanismen wirft Rainer
Mausfeld nicht nur einen wissenschaftlichen Blick auf die Methoden und
Techniken des öffentlichen Meinungsmanagements, als langjähriger Lehrer
baut er seine Argumentationen auch didaktisch so auf, dass erhellende
Aha-Erlebnisse nicht ausbleiben.

Wie zum Beispiel anhand des mittelalterlichen Gemäldes „Der Gaukler“
von Hieronymus Bosch (1503), auf dem ein „Hütchenspieler“ ein Publikum
vor einem Tisch versammelt hat, das der Kleidung nach zur besseren
Gesellschaft gehört. Während ein Gaffer im Vordergrund gebannt zuschaut,
wird er zum Opfer eines Beutelschneiders im Hintergrund, der – in
Laientracht eines Ordens und mit einem Zwicker auf der Nase – als
lesekundiger Intellektueller ausgewiesen ist. Wer sich von den
Zaubereien der Gaukler etwas vormachen lässt, ist der Dumme – diese
Botschaft gilt im Zeitalter der multimedialen Gaukelei mehr denn je.
Unter den von Edward Snowden 2013 veröffentlichten Dokumenten befand
sich auch ein geheimes Schulungsdokument des Britischen Geheimdiensts
über die Kunst der Täuschung („Art of Deception“) – mit dem Gaukler von
Hiernonymus Bosch als Titelbild.

Please follow and like us:

Ein Gedanke zu „Die Medien-Gaukler

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.