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Der gesunde Menschenverstand

Die Religionskritiken von Ludwig Feuerbach (1804-1872), von Karl Marx (1818-1883) und von Sigmund Freud (1856-1939) sind sehr bekannt. Ein wenig vergessen ist, dass Paul Henri Thiry d’Holbach (1723-1789) sich schon viel früher sehr kritisch mit dem religiösen Glauben auseinandergesetzt hatte. 1772 veröffentlichte er das Buch „Der gesunde Menschenverstand“ mit dem Zusatz „oder natürliche Ideen, die übernatürlichen Ideen entgegenstehen“. Dieses Werk publizierte Holbach unter dem Pseudonym des Pfarrers Meslier, zu seinem Schutz vor Verfolgung. (1)(2)

Baron d’Holbach: „Alle Religionen sind antike Monumente des Aberglaubens, der Ignoranz und der Grausamkeit; moderne Religionen sind nur verjüngte alte Torheiten.“ Paul-Henri Thiry d’Holbach war ein Philosoph der französischen Aufklärung, der vor allem für seine religionskritischen und atheistischen Thesen bekannt ist. (1723–1789)

Von Heinrich Frei – gefunden bei NRhZ-Online


Wer nicht an Gott glaubt, macht sich strafbar

Auch heute müssen Religionskritiker vorsichtig sein, wie Holbach vor 250 Jahren. Taslim Nasrin aus Bangladesh musste fliehen, und auch die Somalierin Ayaan Hirsi Ali wurde bedroht, unter anderem wegen ihrer Aussagen der Islam sei eine Erfindung der Menschen und Mohammed sei ein Kind seiner Zeit und nicht unfehlbar. (3)

„Wer nicht an Gott glaubt, macht sich strafbar“, schrieb Kacan El Ghazzali in der Neuen Zürcher Zeitung vom 23. Mai 2018. (4) Kacan El Ghazzali: „Es gibt eine Sache, worüber bei den meisten politischen Mächten in der islamischen Welt Einigkeit herrscht: In der Verteufelung und Unterdrückung von Atheisten sind Regierungen wie Oppositionsparteien auf Augenhöhe. Es ist keineswegs übertrieben zu behaupten, dass ein Bekenntnis zum Atheismus in muslimischen Ländern mehr Mut erfordert, als den Umsturz von Monarchien oder einem Regimewechsel zu verlangen.“

Lehrerinnen: Hütet euch vor dem gesunden Menschenverstand

Für eine Lehrerin in der Schweiz wird es heute kein Problem sein, den Kindern biblische Geschichten zu erzählen. Jede Lehrerin wird sich aber hüten, Kinder aufzufordern, Geschichten der Bibel in einer der so genannten Projektwochen mit dem gesunden Menschenverstand zu überprüfen.

Wer war Holbach?

Wer war Holbach? Holbach wurde als Paul Heinrich Dietrich in Edesheim bei Landau geboren und später von seinem Onkel in Paris adoptiert und änderte dann seinen Namen. Holbach verfasste viele Bücher und war ein Mitarbeiter der „Encyclopédie“. einer Sammlung des Wissens der damaligen Zeit.

Der unvollkommene Mensch, das Ebenbild Gottes?

Holbach hat das Gottesbild durch den Hinweis auf deren innere Widersprüchlichkeit widerlegt. Gott habe den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen, heißt es. Aber warum hat der allmächtige Gott ihn mit so vielen Mängeln erschaffen und in diese Welt geschubst die voller Not und Elend ist? Holbach: „Man kann es einem ungeschickten Arbeiter nachsehen, wenn er ein unvollkommenes Werk macht; denn er ist zur Arbeit verurteilt, um nicht zu verhungern, ob er nun gut oder schlecht arbeitet. Dieser ist zu entschuldigen, nicht aber euer Gott. Nach eurem Gerede genügt Gott sich selbst; aber warum hat er dann den Menschen gemacht? Er besitzt all die Fähigkeiten, die notwendig sind, um den Menschen glücklich zu machen; warum versäumt er es zu tun? Schließt doch daraus wenigstens, dass euer Gott mehr Bosheit als Güte besitzt…“

Religion: Unkenntnis natürlicher gesetzmäßiger Ursachen

Holbach schrieb: „Wer sich die Mühe machen will, die religiösen Meinungen mit gesundem Menschenverstand zu prüfen und ihnen dieselbe Aufmerksamkeit schenkt, mit welcher man solche Dinge prüft, die man für nützlich hält, der wird leicht wahrnehmen, dass diese Meinungen auf keiner soliden Basis beruhen, dass die ganze Religion ein Luftschloss ist, und Gottesgelehrtheit nichts anderes als die Unkenntnis natürlicher gesetzmäßiger Ursachen ist, eine lange Reihe von Chimären und Widersprüchen, bei allen Völkern und zu allen Zeiten gleich einem Roman unglaubwürdigen Inhalts. Eingelullt durch eine unbegreifliche Theologie durch kirchliche Fabeln, durch undurchdringliche Mysterien, durch kindliche Zeremonien, möchte der Mensch doch endlich sich mit natürlichen Dingen, mit verständlichen Dingen, verständlichen Gegenständen mit sichtbaren Wahrheiten, mit nützlichen Kenntnissen befassen.“

Religionen eine Erfindung der Menschen

Holbach vertrat die Meinung, Religionen seien eine Erfindung der Menschen. Holbach: „Die Menschen glauben bloß infolge Beeinflussung durch jemanden an Gott, die von diesem ebenso wenig wissen wie sie selbst. Unsere Ammen sind unsere ersten Glaubenslehrer, sie sprechen zu den Kindern von Gott wie sie von Gespenstern zu Ihnen sprechen, sie lehren sie im zarten Alter, mechanisch die Hände zu falten.“ „Das menschliche Gehirn“, so Holbach, „ist besonders in der Kindheit, wie weiches Wachs, das alle beliebigen Eindrücke bereitwillig aufnimmt: Die Erziehung prägt fast alle Meinungen des Menschen zu einer Zeit, in der er selbst noch keines Urteils fähig ist.“

Allmacht Gottes und die Sünden der Menschen die er geschaffen hat

Holbach vermerkte: „Ihr sagt, es seien unsere Sünden, welche ihn (Gott) zwinge uns zu strafen.“ Bringe uns nicht in Versuchung, heißt es im Vaterunser. Holbach: „Ein seltsamer, ja grausamer Gott, der uns in Versuchung bringt und nachher uns bestraft für unsere Vergehen.“ Wo bleibt da die Allmacht Gottes, die Liebe Gottes, wie in dem Kirchenlied, dessen Melodie mir auch noch heute in den Ohren liegt:

„Gott ist die Liebe, Er liebt auch mich.
Drum sag ich noch einmal: Gott ist die Liebe!“

Ein seltsamer Gott auch, der es zulässt, dass sein Sohn gekreuzigt wird, und mit seinem Opfertod auch unsere Schuld büsste. Holbach war auch der Meinung Religion sei nicht nötig, um sich anständig zu verhalten: Holbach: „Um die wahren Prinzipien der Moral zu entdecken bedarf der Mensch weder der Theologie noch einer Offenbarung noch eines Gottes, es bedarf bloss eines gesunden Verstandes.“

Besser endgültig sterben, als ewig leben

Holbach: „Sobald man fragt, warum es unter der Regierung eines guten Gottes so viel Elend gibt, sucht man uns dadurch zu trösten indem man sagt, dass diese Welt bloß ein Übergang zu einer glücklicheren Welt sei; man versichert uns, dass die Erde, auf welcher wir leben, ein Aufenthaltsort der Prüfung sei.“ Aber so Holbach: „Es gibt nichts Schwierigeres, als sich der Aufnahme in die Sphäre der Glückseligkeit (den Himmel) würdig zu machen, aber nichts Leichteres als einen Platz in der Stätte der Qualen zu erhalten“, gemeint ist damit die Hölle, „welche die Gottheit durch ihren ewigen Zorn den unglücklichen Opfern bereitet.“ Holbach stellte die Frage: „Ist die Vorstellung eines endgültigen Vergehens beim Sterben nicht einem ewigen Leben vorzuziehen, in dem es nur Pein gibt und Zähneklappern?“

Bücher zum Thema aus dem Vita Nova Verlag, Zürich 1976; Alibri Verlag, Neu-Isenburg 1999; Angelika Lenz Verlag, Aschaffenburg 2016

Bibel: unheilvolle Drohbotschaft statt Frohbotschaft

Auch Jürg Frick untersuchte wie Holbach in seinem Buch „Das Ende einer Illusion, Denkanstösse zu Ethik und Pädagogik der Bibel“ Aussagen der so genannten Heiligen Schrift. Er wies nach, dass unzählige und zentrale Aussagen der Bibel höchst problematische Denk- und Handlungsmuster enthalten. Die biblische Ethik und Pädagogik verstoße immer wieder gegen grundlegende Menschenrechtskriterien, so Frick. Die biblische Frohbotschaft auch des Neuen Testamentes, nicht nur des Alten Testamentes, sei eher eine unheilvolle, angsterzeugende Drohbotschaft. (5)

Gott ist auch heute allgegenwärtig

Gott ist auch heute immer noch allgegenwärtig, nicht nur als kürzlich in England der englische Prinz Harry in der Kirche heiratete. Die Bundesverfassung der Schweiz, revidiert 1999, beginnt im „Namen Gottes des Allmächtigen!“. Parlamentarier in Bern werden mit der Eidesformel vereidigt: „Ich schwöre vor Gott dem Allmächtigen, die Verfassung und die Gesetze zu beachten und die Pflichten meines Amtes gewissenhaft zu erfüllen.“ Als kürzlich die drei Nato-Mächte USA, Großbritannien und Frankreich Syrien bombardierten, bat Donald Trump um Gottes Segen: „Heute Abend bitte ich alle Amerikaner, ein Gebet für unsere edlen Krieger und unsere Verbündeten zu sprechen.“

Feldgeistliche: Gott ist mit euch wenn ihr gegen das Böse kämpft

Evangelische und katholische Feldprediger, Militärbischöfe, Feldrabbiner und Militärimamen begleiten heute noch Soldaten in Kriegseinsätzen und reden ihnen ein, sie müssten keine Angst haben. Gott sei mit ihnen, wenn sie gegen das Böse und für den Frieden kämpften. „Soldaten, die tagtäglich mit dem Tod konfrontiert werden, können besser damit umgehen, wenn sie an Gott glauben“, erklärte der Militärpfarrer Bernd Kuchmetzki am 10. Mai 2015. 2017 gab es in Deutschland 82 katholische und 94 evangelische Militärseelsorger für die rund 180.000 aktiven Soldaten. Für rund 1000 Soldaten also einen Priester. (6)

Pontifikalamt im traditionellen Internationalen Soldatengottesdienst zum Weltfriedenstag mit Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki unter dem Thema „Migranten und Flüchtlinge – Menschen auf der Suche nach Frieden“, Kölner Dom, 11. Januar 2018. Screenshot aus der Videoaufzeichnung von domradio.de

Priester: Lasset die Stimme der Vernunft erklingen

Fast am Schluss seiner Schrift „Der gesunde Menschenverstand“ schreibt Holbach: „Priester, entsagt euren Chimären, euren unverständlichen Dogmen, euren verachtenswerten Zwisten; verbannt diese Phantome, die euch nur in unaufgeklärten Gesellschaften von Nutzen waren, in das Reich der Einbildung; lasset die Stimme der Vernunft erklingen… predigt uns eine humane und soziale Moral; lehret uns Tugenden, welche der Welt von wahrem Nutzen sind.“

Es gab und gibt Priester, die sich für Dinge engagierten, „welche der Welt vom wahren Nutzen sind“, wie dies Holbach forderte. Ich erinnere an Abbé Pierre, der während dem Zweiten Weltkrieg aus dem von den Nazis besetzten Frankreich bedrohte Menschen in die Schweiz schmuggelte. Abbé Pierre engagierte sich nach dem Krieg für arme Leute und Obdachlose in Frankreich und in anderen Ländern. Er gründete die Organisation Emmaus. (7)

Auch der Priester Père Joseph Wresinski half den Bewohnern der Bidonvilles, den Slums in den Banlieues rund um Paris in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, um die sich die Behörden kaum kümmerten. Wresinsksi gründete die Organisation Aide à toutes détresses. (8) Der Schweizer Pfarrer Ernst Sieber arbeitete eine Zeitlang in Paris bei „Aide à toutes détresses“ in Paris. Später wurde Sieber bekannt durch seinen Einsatz für Obdachlose, Drogensüchtige und Aidskranke. (9)

1964 arbeitete ich bei „Aide à toutes détresses“ in Noisy-le-Grand bei Paris. 1965 projektierte ich für Emmaus den Umbau eins Bauernhauses in ein Ferienheim für Kinder in Reignier in Frankreich (wurde nicht realisiert). 1968 arbeitete ich einige Monate in der Notschlafstelle im Bunker am Helvetiaplatz in Zürich von Pfarrer Sieber.

Fussnoten

(1) „Der gesunde Menschenverstand des Pfarrers Meslier“, von Paul Henri Thiry d’Holbach Vita Nova Verlag, Zürich 1976
(2) „Der gesunde Menschenverstand“ von Paul Henri Thiry d’Holbach, Alibri Verlag, Aschaffenburg 2016
(3) „Frauen sind Sklaven, die Jungs Kanonenfutter“ Interview mit Ayaan Hirsi von Peter Teuwsen, NZZ am Sonntag 20. Mai 2018)
(4) „Wer nicht an Gott glaubt, macht sich strafbar“, Kacan El Ghazzali, Neue Zürcher Zeitung 23. Mai 2018
(5) „Das Ende einer Illusion Denkanstösse zu Ethik und Pädagogik der Bibel“, von Jürg Frick, Angelika Lenz Verlag, Neu-Isenburg1999
(6) http://www.imi-online.de/download/IMI-Studie2018Militaerseelsorge.pdf
(7) https://de.wikipedia.org/wiki/Abbé_Pierre
(8) https://fr.wikipedia.org/wiki/Agir_tous_pour_la_dignité_Quart_monde
(9) http://www.swsieber.ch/informationen/pfarrer-ernst-sieber

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