Rezension zur Streitschrift „Keine Macht den Doofen“

Rezension zur Streitschrift „Keine Macht den Doofen“

Michael Schmidt-Salomon: Keine Macht den Doofen / Eine Streitschrift.

Finanzakrobaten, die mit Milliarden jonglieren, aber das kleine Einmaleins nicht beherrschen. Politiker, für die nur Stimmen zählen – statt Argumente. Religiöse Fanatiker, die uns mit modernsten Waffen ins Mittelalter zurückbomben wollen: Hinter der globalen Misere steckt, so Schmidt-Salomon in seiner mitreißenden Streitschrift, eine einzigartige, weltumspannende Riesenblödheit. Ein Aufruf zum Widerstand gegen den Irrsinn unserer Zeit.

Von Siegfried Vollmann – gefunden bei Wissenblogt.de

Den Charakter der Streitschrift kann man nicht absprechen, MSS teilt kräftig aus.

MSS beklagt die kollektive Dummmheit mehr als die individuelle. Sie beruht auf unserer kulturellen Matrix, d.h. auf sozial geprägten Verhaltensweisen, die wir von klein auf erworben haben. Dummheit wird gelernt.

Er beklagt die Dummheit sinnloser Unmenschlichkeit durch Jahrtausende hindurch: Mord und Totschlag, Ausbeutung und Gewalt. Er  benennt die zentralen Muster der Dummheit, Wahnideen, nämlich

  • die Hybris, zu meinen, im Mittelpunkt des Kosmos zu stehen (dessen Größe die Leute sich nicht vorstellen können)
  • den Irrsinn der Religionen, die z.B. sagen, dass der (vermeintliche) Schöpfer des Universums, das seit Milliarden von Jahren existiert, Wert darauf legt, dass die Mitglieder einer höher entwickelte Affenart auf einem Miniplaneten sich ihm unterwerfen und 5 mal am Tag arabische Sprüche aufsagen
  • den Irrsinn, zu  meinen über der Natur zu stehen und unsere Umwelt zu zerstören, statt Teil der Natur zu sein

Religiotie

Er beschreibt als Analogie zum „Homo demens“ Ameisen, die von einem Hirnwurm befallen sind.

Dann kommt er auf den  schlimmsten menschlichen Hirnwurm, die Religionen.

Er stellt die bizarre Irrationalität der Religionen dar, wie sie aus deren Aussagen  frei zu sehen ist, wenn man sich von den Denkgewohnheiten frei macht, die einem als Kind eingetrichtert wurden. Im relifionsfreien Alltag würde man jeden Menschen, der einem vergleichbare Geschichten erzählt, für unzurechnungsfähig halten..

Er nennt diese Form des Hirnwurms Religiotie, die davon Befallenen Religioten.

Er bringt Beispiele des religiösen Wahns, im Kurzdurchlauf die Heilslehren, aber auch die Auswirkungen, wie man sie täglich in der Zeitung lesen kann.

Schwarmdummheit

Ein weiteres Kapitel gilt der „Schwarmdummheit“. während der einzelne Mensch noch relativ intelligent ist, sind die Kollektive weit dümmer. Auch dafür nennt er Beispiele: Trotz Resourcenknappheit werden Produkte absichtlich so konstruiert, dass sie nach einiger Zeit kaputt gehen, eine Obsoleszenz genannte Technologie.

Die meisten Menschen wollen eine gerechtere Welt, doch die Schere zwischen Reichtum und Armut öffnet sich weiter.

Es ist nicht unsere mangelhafte Moral, sondern die kollektive Dummheit, die die Besserung der Verhältnisse verhindert.

Zum Irrsinn an den Finanzmärkten zitiert er Kostolany: „dass die Kursentwicklung allein davon abhängt ob es mehr Papiere als Dummköpfe oder mehr Dummköpfe als Papiere gibt“. Das Prinzip ist: Finde den nächst größeren Deppen!

Finanzwirtschaft

Nun folgt ein Exkurs in die Finanzwirtschaft. „Der notorische Sparer, der nichts anderes im Sinn hat, als sein Kapital zu mehren, ist vielmehr ein doppeltes Übel: Er treibt nicht nur andere in die Schuldenfalle, sondern schwächt auch ganz unmittelbar den Wirtschaftskreislauf, auf dem sein Geldvermögen letztlich gründet. Warum? Weil Sparen nichts anders bedeutet als Konsumverzicht, Konsumverzicht aber führt zu geringerem Absatz von Gütern und Dienstleistungen und somit zu fallenden realen Profiten, woraus sich wiederum höhere Arbeitslosenzahlen, geringere Steuereinnahmen und vermehrte Insolvenzen resultieren, am Ende sogar Staatsbankrotte …“

„Zweifellos ist auch diese Wertaufbewahrungsfunktion eine sinnvolle Eigenschaft des Geldes – allerdings nur unter der Voraussetzung, dass niemand auf den Gedanken kommt, dem Wirtschaftskreislauf Geld auf längere Zeit zu entziehen…“

Dann beschreibt er die „Ökonomiotische Farce in  vier Akten“

Erster Akt: Bei Konjunktureinbruch entlassen die Unternehmer Arbeitskräft, dadurch sinkt die Kaufkraft.

Zweiter Akt: Zur Stützung der Konjunktur zahlt der Staat Arbeitslosenhilfe und startet Konjunkturprogramme auf Pump. Um die Staatsverschuldung (derzeit ca. 2.7 Billionen – Anmerkung wissenbloggt: siehe dazu wiki) nicht zu stark ansteigen zu lassen, gibt es die Schuldenbreme, die zu Kürzungen im Sozialhaushalt führt und damit zur Senkung der Binnennachfrage. Die Schulden führen zu hohen Zinszahlungen.

Dritter Akt: Die hohen Gewinne der Reichen können nicht verkonsumiert werden, da sich Investitionen in die Realwirtschaft nicht rentieren, auch nicht investiert werden, entsteht ein Anlagenotstand, der durch „Finanzprodukte“  befriedigt wird, also durch immer undurchsichtigere Verpackung fauler Kredite.

Vierter Akt: Im Moment der Wahrheit rettet der Staat nicht nur die Banken, sondern auch die von ihnen verwalteten Vermögen, was jedoch nur möglich ist, wenn er sich weiteres Geld bei den Geretteten leiht und dafür Zinsen zahlt.

Diese spekulieren damit gegen den Staat, der sie rettet.

Notwendig wäre es also, die kolossale Umverteilung von Arm zu Reich rückgängig zu machen. Ein Schuldenabbau ist nur möglich, wenn auch Vermögen abgebaut wird.

Politioten an der Macht

Er beschreibt, wie nur opportunistische Menschen an die Macht kommen können. Und wie Entscheidungen unter dem Kalkül persönlicher Macht getroffen werden.

Zuletzt beschreibt er die Ursache der Idiotie: Wir haben sie von klein auf gelernt. Einer der Hauptgründe ist die religiöse Erziehung. „Wer sich einmal dazu gebracht hat, all die Absurditäten, die religiöse Lehren ihm zutragen, ohne Kritik hinzunehmen, dessen Denkschwäche baucht uns nicht zu verwundern.“ (Sigmund Freud) Der real existierende pädagogische Irrsinn (Pädagogiotie) äussert sich vor allem im absurden Zwang zur Wissensbulimie… Schülerinnen und Schüler werden darauf trainiert, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel totes Wissen in sich hineinzufressen, um es zu Zeitpunkt der Prüfung im Austausch gegen Noten fristgerecht wieder zu erbrechen.

Kritik

Es ist eine Streitschrift und so ist differenziertes Denken nicht angesagt. Auch wenn viele der menschlichen Fehlleistungen ganz offensichtlich sind, so sind sie nicht immer irrational, sondern folgen oft nur dem Interesse der maßgeblich Beteiligten, auch wenn diese vorgeben, im allgemeinen Interesse zu handeln. Auch redet er von Dingen, von denen er nicht allzu viel versteht, zum Beispiel von Geldwirtschaft. Es muss eben Geld über lange Zeit angespart werden, z.B. für die Altersvorsorge; egal in welcher Form, hier werden über Jahrzehnte Ansprüche auf Leistungen (nicht anderes ist Geld) aufgebaut. Auch braucht die Wirtschaft Kapital für Investitionen, das vorher verdient und erspart werden muss.

Natürlich ist es Wahnsinn, wie Finanzjongleure unsere Wirtschaft und unser Staatswesen ruinieren. Aber vielleicht ist das ja Absicht. Wir leben nicht in einer friedlichen Welt in der alle zum gemeinen Wohl arbeiten. Sondern, wie er als evolutionärer Humanist ja wissen sollte, in einer Welt des Konkurrenzkampfes. In einer Welt wo Haie die friedlichen Fische fressen.

Zuzustimmen ist ihm aber darin, dass Dummheit antrainiert wird, wenn Kinder zur Kritiklosigkeit und Anpassung statt zum selbständigen Denken erzogen werden, vor allem durch  die Religion, aber nicht nur durch sie, sondern auch durch andere gesellschaftliche Formen. Für kleine Kinder ist es wichtig, sich an den Eltern zuorientieren, sie nachzuahmen.

Mit zunehmendem Alter muss der Mensch jedoch zu einem eigenen rationalen Urteil kommen, das bedeutet erwachsen werden. Viele werden nie erwachsen.

Insgesamt ein Buch, das man mit Gewinn und Genuss lesen kann.

Piper-Verlag

2 Replies to “Rezension zur Streitschrift „Keine Macht den Doofen“”

  1. Ich mag Schmidt-Salomons Schriften und bei den meisten seiner Aussagen sagen wir zu 90% einverstanden. Aber nur um hier kurz Karl Barth zu zitieren: „Kritischer müssten mir die Historisch-Kritischen sein!“ oder auf unser Thema umgemünzt: „Kritischer mit der eigenen Kritik“. Zum Ersten würde ich mich bei meinem Gegenüber in jeder Diskussion zuerst erkundigen, was sie oder er denn genau „glaubt“. Oftmals werden hier, auch bei Schmidt-Salomon leider nur gängige Klischees von stock konservativen Katholiken oder hinterwäldlerischen evangelikalen Amerikanern bedient… Als Akademiker, Humanist und reformierter Pfarrer finde ich das schade…

    1. Das stimmt! Man fällt gerne in ein Schwarz/weiss-Muster und wirft alle in den Selben Topf. Da muss ich mich manchmal auch selber an der Nase nehmen. Die eigenen Argumente verstärken sich natürlich wenn man als Gegenvergleich etwas möglichst entgegengesetztes nimmt. Die Gegner von Elektroautos vergleichen auch gerne einen VW Polo mit einem Tesla. Dabei gäbe es auch „vernünftigere“ Elektroautos. Danke für deinen Kommentar…

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