Aber bei Kindern und Tieren hilfts doch auch – die können sich die Wirkung doch nicht einbilden!

Aber bei Kindern und Tieren hilfts doch auch – die können sich die Wirkung doch nicht einbilden!

Homöopathika wirken aber auch bei Kleinkindern und bei Tieren. Es kann also kein Placebo-Effekt sein!
So oder ähnlich wird gerne argumentiert, wenn es darum geht, ob Homöopathie denn nun bei Kindern wirksam ist oder nicht. Doch was bedeutet der Placebo-Effekt eigentlich genau?

Von Dr. med. Natalie Grams – gefunden bei netzwerk-homoeopathie.et

„Ich werde Dir helfen“

Ursprünglich bedeutet Placebo wörtlich so etwas wie „Ich werde gefallen“, etwas salopper übersetzt „Ich werde dir helfen“. Zum einen ist damit das Placebo gemeint, also das Scheinmedikament, das keinen Wirkstoff enthält, aber dennoch eine Reaktion im Patienten auslösen kann, da er meint, Hilfe zu bekommen. Die Wirkung wird also nicht etwa durch einen pharmakologischen Inhaltsstoff möglich, sondern durch die Bedeutung, die der Tablette (den Globuli) zugeschrieben wird. Dennoch kann diese Reaktion durchaus messbar und objektiv nachvollziehbar ausfallen.
Zum andern ist damit aber auch der Akt der Zuwendung gemeint. Jede Mutter vollbringt Placebo-Therapie, wenn sie ihrem Kind liebevoll auf ein „Aua“ pustet, ein Trostpflaster aufklebt oder wenn sie es in den Armen wiegt. Tatsächlich „wirkt“ eine solche Handlung nicht, praktisch weiß jeder, dass das Kind meist nach ein paar Minuten des Tröstens wieder munter davon springt oder beruhigt einschläft. Es hat also geholfen.

Babys haben sehr feine Antennen

Die Homöopathie ist nun besonders geschickt darin, diese beiden Mechanismen zu benutzen. Sie verabreicht einerseits wirkstofflose Tablettchen und sie verbindet dies oft mit einem Ritual an Zuwendung, Empathie und der Kraft guter Erfahrungen. Die Globuli tragen somit die Bedeutung „ich lasse Dir Hilfe zuteil werden, liebes Kind“ und zwar ohne, dass dies unbedingt in Worte gefasst wird. Die Mutter strahlt aus, dass sie helfen kann, dass sie etwas tun kann, dass sie sich von den Globuli Hilfe verspricht. Das Kind bekommt etwas, das ihm helfen soll, es nimmt wahr, dass es mit seinem Problem nicht allein gelassen wird. Das tut gut. Beiden. Die Mutter/der Vater beruhigt sich und auch das tut Kind und Eltern gut. Das müssen auch keine krassen Verhaltensänderungen sein, Kinder und Babys spüren intuitiv kleinste Veränderungen. Sie sind so abhängig von uns, dass sie mit feinsten Antennen ausgestattet sind.
Natürlich helfen auch andere Rituale (warmer Tee, Vorlesen, etc.), doch die ausdrücklich medizinische Ausrichtung der Homöopathie verstärkt den „Ich kann und werde dir helfen“-Effekt sehr positiv. Man tut nicht irgendwas, sondern etwas, das (vermeintlich) medizinisch Sinn macht.
Auch das anschließende Warten auf die Genesung ist nun nicht mehr ein bloßes Ausharren, sondern ein „Lass uns schauen, wie die Globuli wirken“. Es besteht Hoffnung, dass sich etwas zum Positiven verändert – und siehe da, es verändert sich tatsächlich. Gefühlt auch schneller als ohne die Möglichkeit, etwas Gutes getan zu haben. „Wirken“ die ersten Globuli nicht, so schlagen wir noch einmal in unseren Repertorien nach, geben andere Globuli und das Abwarten fällt wiederum leichter. Schließlich aber heilt die Krankheit von alleine aus, vergehen die Beschwerden von selbst und wir sind überzeugt, die Globuli hätten ein kleines Wunder vollbracht – und geben sie deshalb beim nächsten Mal mit neuer Überzeugung. Die Male, bei denen die Globuli nicht geholfen haben, vergessen wir rasch oder entschuldigen sie mit „Da haben wir eben das richtige Mittel nicht rechtzeitig gefunden“.
Ein praktisches und hilfreiches System. Aber wir unterliegen da einem heimtückischen Bestätigungsfehler.

Der Placebo-Effekt ist das „Heile, heile Segen“ der Medizin

Problematisch wird es dann, wenn wir so sehr von der Homöopathie überzeugt sind, dass wir nicht mehr die obigen Erklärungen für die Wirkung verantwortlich machen, sondern eine Information oder Energie in den Globuli. Natürlich könnte man sagen, dass die Globuli tatsächlich eine Information beinhalten: die Information „Ich werde dir helfen“. Aber das ist ja nicht das, was die Homöopathen meinen. Sie meinen eine nicht nachvollziehbare oder erklärbare Information, die sich weder bislang finden ließ, noch in Zukunft gefunden werden kann. Problematisch wird es auch dann, wenn sich durch solche vermeintlich positiven Erfahrungen der Glaube an die Globuli etabliert und man denkt, auch schwere Erkrankungen könnten so „natürlich“ behandelt werden. Nein, schwere Erkrankungen können schwere Folgen haben und diese lassen sich durch die genannten Effekte zwar vielleicht leichter ertragen, aber geheilt werden sie dadurch nicht. Und das dürfen wir unseren Kindern nicht zumuten.
Natürlich kann es auch nicht angehen, jedem Kind bei einem kleinen Schnupfen sofort ein Antibiotikum zu verschreiben. Und ein bloßes Abwarten bei banalen viralen Infekten bis zur Besserung fällt schwer. Zumal, wenn man bisher die Möglichkeit von homöopathischer „Therapie“ nutzte und das Warten somit leichter fiel. Aber es ist dennoch ein Glück, dass wir für schwere Fälle die Medizin und wirksame Medikamente haben. Für die leichteren Fälle dürfen es dann auch mal die „Zauberkügelchen“ sein – wenn wir uns darüber im Klaren sind, dass wir damit eigentlich nur ein erweitertes „Heile, heile Segen“ singen.

Wunder gibt es immer wieder …

Für Tiere, die ebenfalls sehr feine Antennen für ihre Tierhalter haben, gilt natürlich Ähnliches. Es gibt z.B. Hunde, die den epileptischen Anfall ihrer Halter spüren können, noch bevor diese das selbst tun. Dies zeigt, wie feinsinnig viele Tiere sind und wie sehr sie sich auf ihre Besitzer einstellen können. Bei weniger feinfühligen Tieren wie Hasen, Schildkröten oder Kühen mögen einfach die vergangene Zeit, der natürliche Krankheitsverlauf und Zufall oder Glück eine Rolle spielen, auch wenn es schwer ist, das einzusehen. Eine Wunderheilung macht einfach mehr her als diese nüchternen Gründe. Wunder lassen sich oft ganz einfach erklären – fragen Sie einmal einen Berufsmagier.

Hier gibt es mehr Informationen zum Placebo-by-proxy und zum Nocebo-Effekt.

Die Zeitschrift „Der Spiegel“ hatte auch einmal einen Artikel zu Placebos bei Tieren geschrieben, der viele weitere Infos enthält (externer Link).

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