Modern Jazz oder Monteverdi

Modern Jazz oder Monteverdi

Christina Pluhar und ihr Ensemble „L’Arpeggiata“ präsentieren auf ihrer neuen CD „Teatro d´Amore“ Musik von Claudio Monteverdi, die 400 Jahre alt ist. Doch die Werke wirken, als seien sie grad erst entstanden: Schlank, transparent, sportiv, verspielt, exaltiert – und jazzig. Ein Album, das den Begriff „Renaissance“ als „Wiedergeburt“ wörtlich nimmt.

Von Falk Häfner – gefunden bei deutschlandfunk.de

Schlank, schlank, schlank. – Auf Konfektionsgrößen übertragen, haben wir es hier höchstens mit einer 34 zu tun. Das ist das akustische Schönheitsideal von Christina Pluhars neuester Kreation. Schlank, transparent, sportiv, verspielt, exaltiert – so präsentiert sie ihre klangliche Couture auf ihrer neuesten CD „Teatro d’Amore“ – ihrer ersten übrigens beim Label Virgin classics.

Musik von Claudio Monteverdi, die 400 Jahre alt ist, doch wirkt, als sei sie grad erst entstanden. Kann man da tatsächlich von Alter Musik sprechen? – Das ist wohl eine Glaubensfrage. Denn zwar handelt es sich um musikalisches Ausgangsmaterial, das entstanden ist an der Wende der Renaissance zum Barock. Und freilich wird auch auf entsprechenden Instrumenten gespielt. Doch der Geist, mit dem die Musiker um Christina Pluhar musizieren, der ist ganz heutig. Sie nehmen sich all die Freiheiten, zu denen sie die kühnen harmonischen Verbindungen, die knackigen rhythmischen Formeln oder die zeitlosen melodischen Linien anstiften. Dazu gehört auch, eine spezielle Besetzung zu wählen: mit einer auf ein Minimum reduzierten Bläserfraktion und einem modernen Schlagzeug.
Und sie lassen einen plötzlich der absurden Frage nachhängen, ob einer der ersten Jazzmusiker überhaupt vielleicht doch schon Claudio Monteverdi gewesen sein könnte?

Im wahrsten Sinne des Wortes ‚gegen den Strich gebürstet‘ haben die Musiker von „L’Arpeggiata“ das „ohimè c’io cado“ aus den „scherzi musicali“ von Monteverdi. Denn neben den schwerelosen Melodien, die der Countertenor Philippe Jaroussky singt, und dem instrumentalen Kontrapunkt, der auf einem Zink geblasen wird, streicht der Schlagzeugbesen sachte über die Trommel. Jazzer würden jetzt von der klassischen Snare drum sprechen, mit denen die Synkopen, also die rhythmischen Widerhaken, dieser Musik den richtigen Groove geben.

Spätestens damit, so weiß Christina Pluhar, wird sie den Unmut der Puristen auf sich ziehen. Schließlich gehen sie und ihre Musiker weit über das hinaus, was die historische Aufführungspraxis als halbwegs authentisch ansieht. Doch damit kann die gebürtige Grazerin gut leben. Schließlich gilt Christina Pluhar seit den neunziger Jahren als eine der gefragtesten Musikerinnen der Alte-Musik-Szene und weiß damit genau, was sie tut. Mit Jordi Savall, René Jacobs, Ivor Bolton oder Marc Minkowski hat sie zusammengearbeitet, bei den Musiciens du Louvre oder Cantus Cölln hat sie gespielt. Wenn die in Paris lebende Harfenistin und Lautenistin sich also auf diesen Grenzgang begibt, dann geschieht das bewusst, willentlich und vor allem: lustvoll! Schließlich ist Musik in erster Linie eine Sache des Herzens.

Die Kunst der Improvisation ist dabei das treibende Moment. Nicht umsonst sind die Auftritte von Christina Pluhar und ihrem Ensemble „L’Arpeggiata“ als barocke Jam-Sessions beschrieben worden. Und das ist wohl auch das verbindende Element zwischen dem 17. und dem 21. Jahrhundert: Die Möglichkeit, ja gar die Pflicht zum freien Variieren und Improvisieren.

So spontan, so leicht und natürlich, wie Núria Rial dazu singt, würde man wohl kaum auf die Idee kommen, dass hier eine klassisch ausgebildete Opernsängerin am Werke ist.

Walking bass – so wird die absteigende, immer wieder kehrende Basslinie im Jazz genannt. Aber schon in Monteverdis Orfeo gibt es solche ostinati. In ebengehörtem Falle spielt damit die katalanische Sopranistin Núria Rial. In den letzten Jahren avancierte sie zu einem Shooting Star der Alte-Musik-Szene. Auf René Jacobs‘ vielbeachteter Figaro-Einspielung mit Concerto Cöln war sie genauso vertreten wie an der Seite des amerikanischen Tenors Lawrence Zazzo.

Was schon bei dieser Aufnahme mit Händel-Duetten auffiel, wiederholt sich nun auf der neuen Monteverdi-CD: Das natürlich wirkende, jugendlich strahlende Timbre von Núria Rial verschmilzt kunstvoll mit dem samtenen und reinen Stimmklang des Countertenors Philippe Jaroussky, sodass es zu einer subtilen und reizvollen Echowirkung kommt, bei der die Stimmen kaum noch auseinanderzuhalten sind.

„Ich bin Dein, Dein bin ich” so singen hier Núria Rial und Philippe Jaroussky. Doch, selbst wer den Text nicht versteht, kann fühlen, worum es in „Pur ti mio” aus Monteverdis „L´incoronazione di Poppea“ geht, so sehr verschmelzen die beiden Stimmen miteinander.

Ganz bewusst hat Christina Pluhar die Künstler für ihre jüngste CD „Teatro d´Amore“ zusammengestellt. Ihr geht es vor allem um den theatralen Effekt von Monteverdis Musik. Sie soll das Herz treffen – mit alten genauso wie mit modernen Mitteln. Die Stimmhöhe zum Beispiel liegt beim heute üblichen Kammerton von 440 Hz. Damit fühlen sich die beteiligten Sänger einfach am wohlsten, so begründet Christina Pluhar das ganz pragmatisch.

Für die prächtig ausgestattete CD in Buchform hat sie einen umfang- und aufschlussreichen Kommentar über Monteverdi verfasst. Alle Liedtexte sind in vier Sprachen abgedruckt. Und nicht zuletzt durch die Freude versprühenden Fotos, die Marco Borggreve bei der Aufnahmesession gemacht hat, wird das Album „Teatro d´Amore“ zu einem echten Liebhaberstück. Für Christina Pluhar und ihr Ensemble ein grandioser Einstieg als Exclusiv-Künstler beim Label Virgin classics. Für uns ein Album, das den Begriff „Renaissance“ als „Wiedergeburt“ wörtlich nimmt.

Einfach großartig! – Meint Falk Häfner, der sich damit verabschiedet.

CD-Titel „Monteverdi – Teatro d’Amore”
Interpreten: Christina Pluhar & L’Arpeggiata
LC 07873 / virgin classics 50 999; 23 61 14 000

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